Im Gespräch


Lt. der Ausgabe der Kirchenzeitung JA vom 30. September 2012 sagte der ehemalige Chefhistoriker der Kurie und Kardinaldiakon Walter Brandmüller: „Vom Dialog ist im Evangelium mit keinem Wort die Rede.“
Gegen eine solche These möchte ich vier Beispiele aus unterschiedlichen Kontexten anführen.

  1. Beispiel aus dem Alten Testament: Abraham führt in Gen 18 einen Dialog mit Gott, in dem Gott nicht herrscherlich oder oberlehrerhaft auftritt, sondern sich von Abraham beschwichtigen lässt: Will Gott am Beginn des Gespräches alle Einwohner von Sodom und Gomorra aufgrund ihrer Sünde töten, so ist er am Ende eines langen Dialoges bereit, die Städte zu verschonen, wenn mindestens 10 Gerechte darin leben. Gott lässt sich von Abraham überzeugen; Gott ist dialogbereit.
  2. Beispiel aus der Praxis Jesu – Mk 7,24-30: Jesus befindet sich im heidnischen Gebiet. Eine Frau bittet Jesus, ihrer Tochter einen Dämon auszutreiben, was Jesus zuerst verweigert. Im folgenden kurzen Dialog lässt sich Jesus aber überzeugen, dass auch bei den Heiden genug Glaube vorhanden ist, sodass er dort seinen Auftrag erfüllen kann. Jesus ist dialogbereit.
  3. Beispiel aus der Praxis des Paulus: In seinen Briefen zeigt sich ganz deutlich die Dialogbereitschaft des Paulus.
    1. Paulus musste sich wohl in ein Gespräch verwickeln lassen, als er neue Gemeinden gegründet hat. Jeder Heide hätte ihm wahrscheinlich den Vogel gezeigt, wenn er einfach mit Regeln und Vorschriften oder einem Katechismus gekommen wäre. Vielmehr hat er versucht, an die bisherige Glaubenspraxis anzuknüpfen.
    2. Als Gegner in die Gemeinden kamen und Paulus schlecht zu machen suchten, hat er in seinem Briefen viel Überzeugungsarbeiten leisten müssen, um die Gemeinde wieder auf seine Linie zu bringen. Dies macht er durchaus auch mit mahnenden und lehrhaften Worten, aber es war ihm klar, dass er keine Gemeinde aus der Ferne zwingen kann, sein Evangelium anzunehmen.
    3. Schließlich zeigt sich auch, dass an Paulus Anfragen gestellt wurden, die er brieflich beantwortet. Es ist ein Dialog mittels Briefen.
  4. Beispiel aus der theologischen Praxis des Mittelalters: In dieser Zeit waren so genannte „Summen“ eine populäre Buchgattung. Zu einer Frage wurden verschiedene Pro- und Contraargumente zusammengetragen und dann wurde für eine bestimmte Position argumentiert. Hier handelt es sich um einen intellektuellen Dialog unterschiedlichen Meinungen und Ansichten. In dieselbe Kerbe schlägt die Praxis der Disputationes auf den Universitäten.

Diese vier Beispiele sollen zeigen, dass Dialog und Dialogbereitschaft sowohl ihr biblisches wie auch ihr traditionelles Fundament haben, dass Dialog sowohl mit Gott, mit konkreten Menschen oder auch auf intellektueller Ebene vollzogen werden kann. Wer anderes behauptet, verlässt den katholischen Boden.

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