Zur Kritik der Pfarrer-Initiative


Die Strukturreform der Erzdiözese Wien erregt die Kritik der Pfarrer-Initiative (PI). Diese Kritik ist näher anzusehen, denn die PI könnte sich in einer Argumentation verrennen, die in das Gegenteil dessen führt, was sie eigentlich will. Dies liegt im Kern darin begründet, weil die Erzdiözese genau mit jenen Grundsätzen argumentiert, auf die auch die PI aufbaut: stärkere Einbindung der Laien und gegen eine verengte Klerikalisierung. Wer also die Strukturreform kritisiert, der läuft auch Gefahr, diese Grundsätze zu kritisieren.
Aus meiner Sicht positiv an der PI-Kritik ist:

  1. Sie weisen darauf hin, dass das Zustandekommen der Leitlinien selbst nicht dem Kirchenbild entspricht, das von der Erzdiözese für die Reform zugrundegelegt wird. Wie soll eine nicht klerikerzentrierte Struktur herauskommen, wenn sie klerikerzentriert zustande gekommen ist? Ich selbst kann jedoch nicht beurteilen, ob diese Kritik auch den Tatsachen entspricht; prinzipiell ist zu beachten, dass der Entwicklungsprozess selbst schon vom „neuen“ Kirchenbild getragen sein muss. (Dass in der PI-Kritik Freunderlwirtschaft insinuiert wird, ist m.E. ein sprachlicher Fehlgriff.)
  2. Die PI erwähnt in ihren Äußerungen u.a. immer auch die Diakone, die von der Strukturreform völlig übersehen werden. Der Wermutstropfen liegt nur darin, dass manche Stellungnahmen der PI in den verheirateten Diakonen die Priester der Zukunft sehen. Das kann zwar für manchen Diakon zutreffen, ist aber nicht der genuine Ort des Diakons.
  3. Auch das Prinzip, dass die Zahl der Gemeinden das Maß für Gemeindeleiter sein sollen und nicht die Zahl der Gemeindeleiter das Maß für Gemeinden, ist positiv hervorzuheben. Kirche als Gottesvolk gedacht berücksichtigt zuerst die konkreten Gemeinden als Lebensgemeinschaften und möchte ihnen das zukommen lassen, was sie zum Leben brauchen.

Neben den schon angeklungenen kritischen Punkten an der PI-Kritik ist noch folgendes zu erwähnen:

  1. Hans Bensdorp kann sich in seiner Kritik nicht ganz einigen, ob er den Traditionalismus oder den Traditionsbruch des Kardinals kritisieren soll. Traditionalismus wirft er ihm in Frage des Zölibats vor; Traditionsbruch in der Entkopplung von Gemeindeleiter und Vorsteher in der Eucharistiefeier.
  2. Die Zusammengehörigkeit von Gemeindeleiter und Eucharistievorsteher wird als Tradition seit den Zeiten des Paulus gesehen. Hier ist zu fragen, ob das Kirchenbild der Anfangszeit historisch nicht zu einseitig gesehen wird. Außerdem ist zu fragen, ob diese Zusammengehörigkeit wirklich so wichtig ist und für immer so sein muss: Dass der Gemeindeleiter seine Gemeinde kennt, ist wohl unerlässlich. Muss das aber auch in der gleichen Weise der Eucharistievorsteher?

    Zwischenbemerkung: Hier berühren wir eine Frage des Priester- bzw. Pfarrer-Bildes. Denn genauso wie der Ort des Diakons unklar ist, ist mittlerweile auch der Ort des Priesters bzw. Pfarrers unklar. Es scheint so zu sein, dass für die PI ausschließlich Priester (und Priesterinnen) Gemeindeleiter (und -innen) sein können, aber nicht Laien; denn nur so wird die Zusammengehörigkeit von Gemeinde- und Eucharistieleitung gewährleistet. Kein Wunder, wenn nun die PI als klerikerzentriert wahrgenommen werden kann.
  3. In diversen Stellungnahmen der PI wird von „Pfarrgemeinden“ bzw. gleichbedeutend von „Pfarre“ und „Gemeinde“ gesprochen. Damit geht aber die Kritik an einem wesentlichen Punkt der Strukturreform vorbei, nämlich der Trennung dieser beiden Größen, was ich selbst als begrüßenswert erachte: Eine Pfarre als geographisches Gebiet kann damit mehrere Gemeinden als Gemeinschaften inkludieren (nicht nur an verschiedenen Orten, sondern auch am selben Ort). So besteht nun die Möglichkeit, zum Beispiel eine Jugendgruppe als eigene Gemeinde wahrzunehmen. (Wenngleich nicht schon jede Gruppe eine Gemeinde ist, denn dazu bedürfe es noch einer Kriteriologie.)

Die Diskussion geht weiter und wer sich ehrlich auf einen kritischen Dialog einlässt, kann nur gewinnen.

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