Strukturreform der Erzdiözese Wien


Die Erzdiözese Wien möchte bis 2022 ihre Struktur reorganisieren. Im Wesentlichen scheint das die Entstehung von Großraumpfarren und die kollegiale Leitung von mehreren Priestern und Laien. Schon jetzt hört man v.a. aus den kirchlichen Reforminitiativen kritische Stimmen. Mir scheinen einige Punkte der Strukturreform zukunftsweisend. Doch am Ende habe auch ich einen Kritikpunkt anzubringen.
Von Beginn an muss klar sein, dass es auch nach der Reform in der Praxis Probleme geben wird; praktische Probleme, die oft aus der Persönlichkeit der handelnden Personen resultieren, werden immer vorkommen. Auch werden durch eine Strukturreform die Menschen nicht plötzlich die Kirchentüre einrennen. Das sollte also beiseite geschoben und eine grundsätzliche Perspektive eingenommen werden.
Nun, zukunftsweisend ist in erster Linie, dass Pfarre und Gemeinde getrennte Größen sind und man sich daher vom Konzept der Pfarrgemeinde endlich verabschiedet.
Pfarren werden kollegial von mehreren Priestern und Laien geleitet; ein Priester dieser Gruppe ist Pfarrer und direkt dem Erzbischof zugeordnet. Pfarre ist damit eine Verwaltungseinheit, keine Seelsorgeeinheit. Die Seelsorgeeinheit ist die Gemeinde, die auch von Laien geleitet werden kann. Die Verwaltung wird zentralisiert, die Seelsorge dezentralisiert. Zitat aus den Leitlinien:



„Dabei gilt weiterhin, dass in diesem Vorgang zwar Pfarren aufgehoben werden, nicht aber Gemeinden. Im Gegenteil: In weiträumigen Pfarren sollen sich mehr und lebendigere Gemeinden entfalten können, die von den Hauptamtlichen der Pfarre unterstützt werden.“



So ist also gedacht, in Zukunft mehrere Gemeinden in einer Pfarre (d.h. in einem Pfarrgebiet) existieren; diese Gemeinden kann man unterschiedlich verorten (nicht unbedingt in der Pfarrkirche, sondern auch bei einer Filialkirche), aber auch personal unterschiedlich umrissen werden. Damit wird auch die Möglichkeit eröffnet, dass ein noch engmaschigeres Netz an Gemeinden entsteht als bisher. Ja, es könnte sogar die Möglichkeit entstehen, dass sich am selben Ort mehrere Gemeinden etablieren.
Ein Beispiel: Es wäre doch gut möglich, dass es an einem Ort eine klassische Sonntagsgemeinde gibt, daneben aber eine Gruppe Jugendlicher, die sich regelmäßig trifft, sonntags aber nicht in die allgemeine Messe geht, sondern eigene, für sie geeignetere Gottesdienste feiert. Diese Gruppe von Jugendlichen könnte als eigene Gemeinde begriffen werden und damit würde endlich das Diktat fallen, alle – und d.h. noch so unterscheidlichen – Pfarrmitglieder müssten in ein und dieselbe Messe gehen. Dann zerreißt man sich, um im Gottesdienst für alle etwas Passendes zu finden, was so wie niemas gelingt, denn eine Personengruppe wird immer bevorzugt.
Neben diesen beiden Gruppen – Sonntagsgemeinde und Jugendliche – könnte es – um das Beispiel weiter zu führen – eine Gruppe Trauernder gehören, die aus einer bestimmten Gegend (aus mehreren Pfarren) zusammenkommen und in der sich so etwas wie eine eigendynamische Gemeinde bildet.

Die Leitlinien heben hervor: … das allgemeinde Priestertum … die kollegiale Leitung durch Priester und Laien … Charismenorientierung … Entlastung in der Verwaltung

Schüller ist in seinen Anfragen an die Reform recht zu geben. Natürlich sind viele Fragen hier offen, denn auch trotz dieser Trennung von Pfarre und Gemeinde könnte althergebrachtes Denken eines Pfarrer zu einer Zentralisierung des Pfarr(!)lebens führen. Das hätte weitreichende negative Konsequenzen, die die Kritiker jetzt schon aufzuzeigen beginnen. Aber ich kann den Vorwurf Schüllers, dass die Kirche sich mit diesem Konzept im Rückzug befindet nicht nachvollziehen. (Man möge mich eine Besseren belehren.)

Drei Fragen, die mir kommen, sind folgende:


  1. Bei einer Dezentralisierung des Gemeindelebens muss auch gewährleistet sein, dass in jeder Gemeinde (!) auch die Sakramente empfangen werden können. Das gilt sowohl für die Eucharistiefeier wie auch für andere Sakramente: Auch eine Taufe muss dann zB in einer Filialkirche offiziell möglich sein? Das könnte auch bedeuten, endlich wegzugehen von den Massenfirmungen und hin zu Gemeindefirmungen.
  2. Es muss klar geregelt sein, welche Befugnisse Laien-Gemeindeleiter gegenüber den Pfarrer haben. Sie müssten eigenverantwortlich handeln können und dürfen.
  3. Ist jede Gemeinde einer Pfarre zugeordnet? Denn wie sieht es mit kategorialer Seelsorge aus, die ja auch zu einem Gemeindeleben führen kann. Oder lässt sich das Verhältnis Pfarre-Gemeinde auch auf Personalpfarren umlegen?

Aber ich sehe in diesem Reformvorhaben nicht automatisch einen Rückzug – wie Schüller meint – oder eine Ausdünnung von Eucharistie – wie Zulehner meint. Dazu kann es zweifelsohne kommen, wenn die verantwortlichen Personen dementsprechend handeln. Gegensteuern könnte man mit einer allgemeinen Zielbestimmung neuer pfarrlicher und gemeindlicher Arbeit.
Mein größter Kritikpunkt an dieser Reform – wenn ich dieses Papier durchsehe – ist, dass für den Diakon kein Platz zu sein scheint. Zwischen Priestern und Laien ist er die ungenannte Größe, dem kein Ort, keine echte Zuständigkeit zugewiesen wird. Das eröffnet dem Diakon zwar eine Entwicklungsfreiheit, kann aber in der Praxis zu großen Schwierigkeiten führen – v.a. da, wo die Vorstellung, was ein Diakon ist, bei den handelnden Personen einer Pfarre bzw. einer Gemeinde divergieren. Das ist ja schon gegenwärtig ein Problem. Dass der Diakon aber völlig ungenannt ist, zeigt ja auch, welche Stellung er im Bewusstsein der Kirche einnimmt.

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