Eine arme Kirche für die Armen


Zumindest als Lippenbekenntnis gilt uns eine Kirche für die Armen zumeist als selbstverständlich, wenngleich oft anderes gelebt wird. Wer dem nicht zustimmt, dem kann der Jesus-Satz vorgehalten werden: „Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe.“ (Lk 4,18)
Nun möchte P. Franziskus aber auch eine arme Kirche, wie er es in Evangelii Gaudium 198 schreibt – eine arme Kirche für die Armen. Bei vielen löste das Fragezeichen aus: Muss die Kirche nun ihre Besitztümer verkaufen? Muss der einzelne sein ganzes Geld hergeben? Muss also jeder Einzelne arm werden? Oder muss (auch) die Institution arm werden?
Zunächst ist einmal festzustellen, dass in diese Fragen Armut auf materielle oder gar finanzielle Armut eingeschränkt wird. Andere Formen der Armut bleiben unberücksichtigt. Ein genauerer Blick in den Text zeigt aber eine andere Stoßrichtung:



Aus diesem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen. Sie haben uns vieles zu lehren. Sie haben nicht nur Teil am sensus fidei, sondern kennen außerdem dank ihrer eigenen Leiden den leidenden Christus. Es ist nötig, dass wir alle uns von ihnen evangelisieren lassen. (EG 198)



Dem Papst geht es mit dieser Formulierung „eine arme Kirche für die Armen“ nicht um konkrete Handlungsanweisungen, sondern um einen theologischen bzw. religiösen Aspekt: Im Armen tritt uns Jesus entgegen, spricht der Herr selbst zu uns. Von diesem Gottes Wort her muss die Kirche leben, indem sie den Armen in den Mittelpunkt ihrer Verkündigung stellt. Der Verkündiger muss sich zuerst vom Wort Gottes treffen lassen, das durch den Armen zu ihm kommt. Danach erst ist es möglich, dieses Wort Gottes weiterzugeben, was auch in sozialen Aktivitäten gelingen kann.
Das heißt: Zuerst gilt es, das Wort Gottes in den Armen zu hören. Und erst dann sollen und können Handlungen gesetzt werden.
Ob das dann in konkreten Situationen dazu führt, Besitz herzugeben und loszulassen, wird sich dann zeigen.

PS: Damit meine ich auch, dass der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider eine verkürzte Sicht auf dieses Papst-Wort hat (siehe hier).

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