Vorrang der Anderen – oder doch Zeit für mich?


P. Franziskus spricht in Evangelii Gaudium von der „absolute[n] Vorrangigkeit des 'Aus-sich-Herausgehens auf den Mitmenschen zu' (Nr. 179) und wendet sich gegen eine „Nächstenliebe á la carte“ (Nr. 180), worunter er kleine persönliche Gesten gegenüber Notleidenden versteht. Der Papst möchte eine Ganzhingabe des Menschen an den anderen, v.a. an die Notleidenden.
Der Einwand, der sofort und meist ohne zu zögern dagegen eingewandt wird, ist, dass man ja auch auf sich schauen muss und nicht immer auf andere, sonst liefe man Gefahr des Ausbrennens. Dabei wird letztlich – wie man es auch dreht und wendet – die Hingabe an andere und das Schauen auf sich gegeneinander gesetzt. Diese Entgegensetzung bleibt oft ungelöst oder findet seine Lösung in der so genannten Iteration, d.h. der zeitlichen Abfolge: eine zeitlang das eine, dann das andere und wieder von vorn. Christliche Begründung findet diese Antwort in der Aussage Jesu: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Daraus wird gelesen, dass sowohl das eine (Nächstenliebe) als auch das andere (Selbstliebe) von uns gefordert ist.
Meine Idee wäre, dies nicht als Gegensatz zu begreifen. Grundlage ist das christliche Menschenbild, dass der Mensch erst zu sich kommt, wenn er sich im Anderen wieder findet. Erst die Hinwendung an den Anderen führt zum Vollzug meines Menschseins bzw. meines Ich-Seins. Die Abschottung und das Für-sich-sein hat zur Folge, dass der Mensch an seinem Wesen vorbeilebt.
Heißt das, dass ich keine Zeit für mich haben darf? Heißt das, dass ich mich dem anderen gegenüber nicht abgrenzen darf? Nein, das heißt es nicht: All das ist dem Vollzug des Menschseins dann entsprechend, wenn es für den Anderen geschieht. Diese Erfahrung machen sehr oft Menschen in sozialen Berufen tätig sind: Erst wenn ich erholt bin, kann ich für andere da sein. Wenn die Erholung und die Zeit für sich in Hinblick auf die Zuwendung zu dem Anderen geschieht, vollzieht der Mensch sein Sein.

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