Herstellen von Gottesbegegnung – eine Blasphemie


Wer glaubt, durch bestimmte Techniken und Methoden sich eine Gottesbegegnung herstellen zu können, begeht Blasphemie.
Hannah Arendt greift in ihrem Buch Vita activa die klassische Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln auf. Unter Herstellen ist das Hervorbringen von Dingen gemeint, die dauerhaft in der Welt existieren bzw. die die Welt als solche dauerhaft konstituieren. Den Hersteller nennt Arendt homo faber und seine Denkweise ist die der Mittel-Zweck-Relation.
Zwischen der Kontemplation und dem homo faber gibt es eine Übereinstimmung: Beide haben im Mittelpunkt das Schauen. Dem Kontemplativen gehe es um die Schau Gottes, dem homo faber um die Schau eines Modells, anhand dessen er ein Ding herstellen kann.
Arendt stellt nun die These auf: Das mit der Dominanz des Herstellens am Beginn der Neuzeit auch die Kontemplation die Form des Herstellens angenommen hat. Das bedeutet – und das ist nicht von der Hand zu weisen -, dass Kontemplation und Meditation getragen ist von der Vorstellung, die Schau Gottes mit Hilfe von bestimmten Techniken und Methoden herstellen zu können. Damit wird die Schau Gottes zum Zweck, der durch verschiedene Mittel erreicht werden soll. Spiritualität wird in die Hand des Menschen gegeben, der sich einfach das entsprechende Handwerk aneignen muss, um seine religiösen Bedürfnisse befriedigen zu können.
Das impliziert aber eine doppelte Blasphemie: 1. Steht im Mittelpunkt solcher Kontemplation der Mensch selbst und nicht die lebendige Beziehung zwischen Mensch und Gott. 2. Damit ist die implizite Vorstellung verbunden, man könne sich Gott verfügbar machen.
Gerade dieser letzte Punkt erinnert an die magischen Praktiken, die vom Alten Testament abgelehnt werden, genau aus dem Grund, weil Gott Herr ist und d.h. sich dem Menschen nähern kann, wie er es möchte. Mithilfe magischer Praktiken möchte man sich Gott aber verfügbar machen. Dagegen protestiert das Alte Testament. Gottesbegegnung bleibt ein Geschenk und ist nicht herstellbar. Alles, was man in der hergestellten Kontemplation erfährt, ist man selbst, nicht Gott.
Der Kartäuser Guigo II. (12. Jahrhundert), der als Vorläufer des methodischen Gebets angesehen werden kann, benennt vier Stufen: Lesung (lectio), Meditation (meditatio), Gebet (oratio), Kontemplation (contemplatio). Obwohl der Kontemplative diese Stufen nach einer genauen Beschreibung durchgehen muss und somit geistliche Versunkenheit nach der Vorstellung des Herstellens vollzogen wird, wird dieser Charakter bei der Kontemplation durchbrochen: Die ersten drei Schritte werden zwar vom Menschen gegangen, die letzte Stufe meint dagegen das Entgegenkommen Gottes. Die Kontemplation kann also nicht mehr hergestellt, sondern nur noch ersehnt, erhofft, erbeten werden. Die Gottesbegegnung selbst bleibt Gottes Tat.
Guigo hat also eine Spiritualität des Aufeinanderzukommens vor Augen. Dies lässt sich biblisch mit der Offenbarung des Johannes verbinden: Die Menschen werden aufgefordert, zu Gott zu kommen, und gleichzeitig wird geschildert, wie Gott zu den Menschen kommt. Die endgültige Gottesbegenung bleibt aber endzeitlich, d.h. ist jetzt schon gegenwärtig, aber noch nicht vollendet.

Impressum und Datenschutz