Herrschaft des Niemand


Gerade habe ich bei Hannah Arendt gelesen:



Die Herrschaft des Niemand ist so wenig Nicht-Herrschaft, daß sie sich unter gewissen Umständen sogar als eine der grausamsten und tyrannischsten Herrschaftsformen entpuppen kann. (Vita activa)



Als diese Herrschaft des Niemand meint Arendt die Bürokratie. In der Bürokratie hat jeder seine Zuständigkeit, aber keine Verantwortung. Jeder tut das, wofür er zuständig ist, und folgt den Regeln, die vorgegeben werden. Was nicht in seinen Bereich fällt, dafür ist man nicht zuständig. Was gegen die Regeln ist, wird einfach geahndet. Und wofür es keine Regeln gibt, bleibt unbearbeitet. In der Herrschaft des Niemand ist niemand für die Regeln verantwortlich.
Natürlich kann man das auch über die Bürokratie hinaus sehen. Oder: Bürokratie muss im weiteren Sinn verstanden werden. Wenn Politiker sagen, dass es auf Nationalebene keine Zuständigkeit gibt, sondern das von der EU geregelt wird, dann herrscht in Österreich niemand. Wir sind eben nicht zuständig und damit für die Regeln auch nicht verantwortlich. Wenn Kirchenvertreter sagen, sie seien nicht zuständig, sondern die jeweils obere Ebene, dann entziehen sie sich der Verantwortung. Ich kann nichts tun, dafür bin ich nicht zuständig. Ich kann nichts machen, so sind eben die Vorgaben. Die vorgegebenen Regeln – Produkte, Hervorkommnisse einer nebulösen, fremden Macht, von der ich, der Regelempfänger, kein Teil bin. Wie soll man auf eine solche Macht Einfluss nehmen?
Wer ein Problem hat, für das keiner zuständig ist, den lässt man dumm sterben. Er kommt einfach unter die Räder und die Niemandsherrscher schauen zu. Da kann man halt nichts machen. Ich, wir sind ja dafür nicht zuständig. Und verantwortlich sind wir auch nicht. Da kann jemand von Pontius zu Pilatus laufen, es ist eben keiner zuständig. Was soll man da bloß tun?
Die Herrschaft des Niemand produziert so Außenseiter, Randgruppen, produziert aber auch stabile, unverrückbare, blinde und grausame Systeme der Gesellschaftsorganisation. Wer das ändern will, will die gegebenen Zuständigkeiten aufbrechen, will selbst für nichts zuständig sein, sondern Verantwortung übernehmen. Und Verantwortung übernehmen meint, sich für eine Sache, für Menschen zu engagieren, die es Wert sind, obwohl sie nicht in die eigene Zuständigkeit fallen. Ja selbst, wenn sie mit mir nichts zu tun haben. Also selbst dann wenn ich keinen Vorteil aus einer Veränderung ziehen kann.
Sind wir bereit, eine solche Verantwortung zu übernehmen? Oder mucken wir nur auf, wenn unsere Eigeninteressen nicht gewahrt wurden?

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