Annäherung an die Sünde


Im katholischen Glauben sind zwei Begriffe wichtig: Erbsünde und Sünde.
Bei der Erbsünde wird oft gefragt, wie denn ein Kind, dass noch gar nichts versteht und gar nicht handeln kann, schon sündig geworden sein kann. Sünde wird vom Handeln her verstanden und das bedeutet weiters, dass man nicht sündigen kann, wenn man nicht handelt.
Schaut man in den Katechismus der katholischen Kirche (= KKK) unter den Nummern 385-409, wird man auch nicht schlauer. Dort wird die biblische Erzählung vom Sündenfall und von den Auswirkungen mithilfe einiger philosophischer Begriffe und mit Glaubensgut aus der Überlieferung erläutert. Angelehnt an die Lehre von Augustinus wird von einer Sünde gesprochen, die vererbt wird: Das erste Menschenpaar beging in ihrer Freiheit eine Sünde, die als Erbe an die nachfolgenden Menschen weitergegeben wird. Auch der KKK spricht bei der ersten Sünde von einem geschichtlichen Ereignis (KKK 390).
Die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft bleibt dabei unberücksichtigt, nämlich dass es in den ersten 11 Kapitel der Bibel um die Grundbeschaffenheiten menschlichen Seins geht und nicht um historische Ereignisse. Unter Erbsünde ist daher ein bestimmtes Merkmal des menschlichen Seins zu verstehen: Bezeichnet wird dabei die Trennung des Menschen von Gott, die Entfremdung von Gott, ein allgemeiner Zustand der Heillosigkeit, aus der der Mensch aus sich heraus nicht entkommen kann.
Der Mensch ist eingebettet in einen sozialen Zusammenhang; in diesen wird er hineingeboren. Damit ist er von seiner Entstehung an in einen Kontext hineingestellt, der Freiheit nicht nur zur "Ehre Gottes" gebraucht, sondern sie auch missbraucht. So lebt der Mensch immer schon in einem Unheilszusammenhang, aus dem er sich selbst nicht befreien kann oder durch einen anderen Menschen befreit werden kann.
Da man in diesem Licht nicht mehr von Erbe sprechen kann, spreche ich im Zusammenhang der Taufe von Urschuld oder Ursünde. Die Taufe ist das Versprechen Gottes, den Menschen aus diesem Unheilszusammenhang zu brefreien.
Damit geht es bei der Erb- oder Ursünde auch nicht um das Handeln, sondern um die Grundverfasstheit menschlichen Seins. Die Sünde dagegen bezeichnet ein Handeln, dass in Freiheit gegen den Willen Gottes gesetzt wurde. Sehen wir auf die Theorie des Handelns, so werden nicht nur Tätigkeit mit der "Hand" als Handlung bezeichnet, sondern jede menschliche Tätigkeit, also auch Sprechen und Denken. Wenn wir daher bekennen, dass wir in Gedanken, Worten und Werken gesündigt haben, dann bekennen wir unsere Sündigkeit in allen menschlichen Tätigkeiten, die wir in Freiheit setzen können (im Gegensatz also zu unseren Affekten).
Diese Sünden können uns nur vergeben werden - von den Mitmenschen und von Gott. Aus der Erb- bzw. Ursünde können wir nur errettet werden und das ausschließlich von Gott selbst: Kein Mensch kann die Entfremdung von Gott überwinden als Gott allein. Darin liegt die Heilsbedeutung Jesu.
Als übergeordnete Macht erscheint die Sünde bei Paulus in Röm 6-8. Sünde ist eine Macht, die wirkt, der wir gehorsam sind, die wir erst durch die Gebote erkennen und von der wir durch Christus befreit worden sind. Sünde ist bei Paulus kein Handeln, sondern bewirkt Handeln. Somit rückt dieses Verständnis von Sünde an das heran, was wir heute als Erb- oder Ursünde bezeichnen. Allerdings bringt Paulus diese nicht mit dem sozialen Kontext des Menschen in Verbindung, sondern mit der menschlichen Begierde. Das wäre jetzt aber wieder ein eigenes Thema und soll hier nicht behandelt werden.

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