Barmherzigkeit


Reißt einem die Barmherzigkeit noch vom Hocker? Oder klicken wir lieber auf Artikel über nette Hundebabys, Katzen, die sich vor Gurken fürchten und Kindern, die von ihren Eltern und anderen zur Schau gestellt werden?



Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!



Dieser aus dem religiösen Kontext stammende Satz will eine Logik zu ihrem Ende bringen, die zu der Misere führt, in der scheinbar jede Generation hineingerät, weil Menschen nichts aus der Geschichte lernen … außer, dass sie nichts aus der Geschichte lernen.
Die angesprochene Logik ist die eindimonesionale Logik von Täter und Opfer, von Schuldigem und Unschuldigem. Es gehört zu den einfachen Erklärungsmustern für Menschen, die in einer komplexen Welt schnell mal überfordert sind: Täter werden eindeutig identifiziert, Schuld wird schnell zugeschrieben. Eine Lösung hat man auch gleich parat: Die Eliminierung des Täters. Ach ja, man selbst gehört natürlich nie zu den Tätern, sondern immer nur zu Opfern. Wäre doch zu einfach, dass man selbst etwas zur Besserung der Welt beitragen könnte.
Das „man“ … ja, hinter diesem „man“ versteckt man sich gern. Das gehört zu dieser Logik: Das „ich“ erscheint nicht mehr, sondern geht unter in der Masse des „man“. Wenn ich „ich“ wäre, müsste mir vielleicht noch bewusst werden, dass ich handlungsfähig bin, dass ich etwas tun kann. Ja, dass ich Täter bin und sein kann – auch Täter des Guten! Aber dann müsste ich noch einen Beitrag zum Guten leisten, wo es doch bitteschön die anderen machen sollen. Da ist es wohl bequemer, im „man“ unterzugehen.
Jesus, der obigen Satz aus dem Alten Testament zitiert, möchte genau diese Logik aufbrechen. Der gegenwärtige Papst hat sich dieses Wort „Barmherzigkeit“ zu eigen gemacht. Er möchte innerhalb der Kirche in dieser Sache klar Schiff machen: Nicht mehr die simplifizierende Logik vom Gesetz, das klare Täter und Opfer produziert, soll gelten, sondern die Barmherzigkeit. Zu diesem Zweck ruft er ein heiliges Jahr der Barmherzigkeit aus, dass am kommenden 8. Dezember beginnen soll. Das Datum ist vielsagend:


Ja wo es nötig ist, kann und muß sie selbst (die Kirche) je nach den Umständen von Zeit und Ort Werke zum Dienst an allen, besonders an den Armen, in Gang bringen, wie z. B. Werke der Barmherzigkeit oder andere dieser Art. (GS 42)



P. Franziskus ist bemüht genaue diese Perspektive in den Mittelpunkt nicht nur seines Wirkens, sondern der ganzen Kirche zu stellen. In seiner Enzyklika Laudato si stellt er deutlich die Verbindung von dem Schutz der Natur und der Liebe zu den Menschen, besonders der Armen, hervor. Und in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium legt er seine Vision der zukünftigen Kirche mit den Worten dar:



Die Kirche „im Aufbruch“ ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern. „Primerear – die Initiative ergreifen“: Entschuldigt diesen Neologismus! Die evangelisierende Gemeinde spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist (vgl. 1 Joh 4,10), und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen. Sie empfindet einen unerschöpflichen Wunsch, Barmherzigkeit anzubieten – eine Frucht der eigenen Erfahrung der unendlichen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und ihrer Tragweite. (EG 24)



Was erforderlich ist, ist die zuvor kommende Liebe Gottes. Eine Liebe, in der wir das Verzeihen und die alle Menschen umfassende Barmherzigkeit Gottes erfahren können; „eine konkrete Wirklichkeit, durch die Er seine Liebe als die Liebe eines Vater und einer Mutter offenbart, denen ihr KInd zutiefst am Herzen liegt“ (MV 6).
In Anlehnung an den Propheten Ezechiel empfehle ich daher das einfache Gebet: „Herr, nimm mein Herz aus Stein und schenke mir ein Herz aus Fleisch!“ Dieses Gebet soll unser Herz wieder weich machen, es soll unser Herz wieder lebendig machen. Erst wenn wir am eigenen Leib die Barmherzigkeit erfahren haben, wird unser Herz weich und bereit, anderen barmherzig zu begegnen. Barmherzigkeit ist aber nun nicht eine Haltung, sondern auch konkrete Tat. Dazu weist P. Franziskus in der Verkündigungsbulle Misericordiae vultus zum Jubiläumsjahr sowohl auf die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit hin (MV 15).
Die konkrete Tat macht uns aber zu Tätern, nicht zu Opfern. Die Werke der Barmherzigkeit machen uns zu Tätern der Liebe und des Guten. Der Einzelne wird „ich“, tritt heraus aus der Masse des „man“; denn die Liebe liebt den Einzelnen in seiner unverwechselbaren Individualität und verwendet keine Pauschalierungen – weder in der Selbst- noch in der Fremdbeschreibung.
Mag sein, dass das noch immer niemanden vom Hocker wirft. Mag sein, dass Hunde, Katzen, Gurken und Kinder immer noch interessanter sind. Mag sein, dass diese deshalb interessanter sind, weil sie scheinbar eine Flucht aus der Schlechtigkeit der Welt in eine liebliche Idylle bedeuten. Aus einer Welt, die keine Hoffnung mehr kennt.
Aber die Kraft eines einzigen guten Menschen lässt uns die Hoffnung nicht untergehen, das die Schlechtigkeit der Welt nicht das letzte Wort hat (LS 71).



Die Hoffnung lädt uns ein zu erkennen, dass es immer einen Ausweg gibt, dass wir immer den Kurs neu bestimmen können, dass wir immer etwas tun können, um die Probleme zu lösen. (LS 61)



Wer will dieser Mensch sein?

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