Tür und Tor geöffnet


Eine Metapher, die in den Schriften von P. Franziskus vorkommt, ist die der Tür, des Tores oder der Pforte. Dies ist gerade im Jahr der Barmherzigkeit ein überaus interessante Metapher.
In der Enzyklika Lumen fidei etwa schreibt er:



Dem Leidenden gibt Gott nicht einen Gedanken, der alles erklärt, sondern er bietet ihm seine Antwort an in Form einer begleitenden Gegenwart, einer Geschichte des Guten, die sich mit jeder Leidensgeschichte verbindet, um in ihr ein Tor zum Licht aufzutun. (LF 57)



Gott öffnet dem Leidenden ein Tor zu Licht, dass dieser durchschreiten kann. Dies kann zum Beispiel auch durch die Bibel geschehen, wie er im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium darlegt:



Das Studium der Heiligen Schrift muss ein Tor sein, das allen Gläubigen offensteht. (EG 175)



Franziskus verwendet diese Metapher auch – und gerade da wird es spannend – zur Darlegung seiner kirchenpolitischen Linie. So heißt es in EG:



Eine Kirche „im Aufbruch“ ist eine Kirche mit offenen Türen. (EG 46)



Wenn er so schreibt, klingt es fast, als wolle er sagen, dass die derzeitige Kirche eine der geschlossenen Türen ist. Manche mögen jetzt meinen, das Öffnen der Türen hätte den Sinn, dass alle Menschen in die Kirche hineinkommen. Aber der Papst fährt anders fort:



Zu den anderen hinauszugehen, um an die menschlichen Randgebiete zu gelangen, bedeutet nicht, richtungs- und sinnlos auf die Welt zuzulaufen. Oftmals ist es besser, den Schritt zu verlangsamen, die Ängstlichkeit abzulegen, um dem anderen in die Augen zu sehen und zuzuhören, oder auf die Dringlichkeiten zu verzichten, um den zu begleiten, der am Straßenrand geblieben ist. (EG 46)



Es geht also vielmehr darum, dass wir uns einsperren in die Kirche. Der Papst will aber eine Kirche, die aufbricht, hinausgeht, an die Ränder der Welt. Durchschreiten wir mutig diese Tür! Und dann geht es dennoch auch wieder um das Eintreten können:



Manchmal ist sie wie der Vater des verlorenen Sohns, der die Türen offen lässt, damit der Sohn, wenn er zurückkommt, ohne Schwierigkeit eintreten kann. (EG 46)



In EG 47 wird der Papst in der Bedeutung konkret. Er zählt auf:



Die Kirchengebäude sollen überall offen stehen als Zeichen, dass die Türen der Kirche für alle Menschen offen sind.



Das Sakrament der Taufe als Tür zum Glauben soll für alle Menschen offen stehen.



Das Sakrament der Eucharistie ist keine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein Heilmittel für die Schwachen. Diese Tür steht also ganz besonders für sie offen.



Damit verwirklicht die Kirche die Barmherzigkeit Gottes, von der Franziskus in der Bulle zum Jahr der Barmherzigkeit sagt:



Er (Gott) wird nicht müde, die Tür seines Herzens offen zu halten und zu wiederholen, dass er uns liebt und sein Leben mit uns teilen will. (MV 25)



Sichtbaren Zeichen im Rahmen des Jubeljahres wird die Heilige Pforte sein:



Am Festtag der Unbefleckten Empfängnis Mariens werde ich die Freude haben, die Heilige Pforte zu öffnen. Sie wird eine Pforte der Barmherzigkeit sein, und wer durch diese Pforte hindurchschreitet, kann die tröstende Liebe Gottes erfahren, welcher vergibt und Hoffnung schenkt. (MV 3)



Wenn wir die Heilige Pforte durchschreiten, lassen wir uns umarmen von der Barmherzigkeit Gottes und verpflichten uns, barmherzig zu unseren Mitmenschen zu sein, so wie der Vater es zu uns ist. (MV 14)



Bringt man diese Metapher des Tores in den Rahmen der Bibel, ergibt sich ein interessanter Spannungsbogen: Zu biblischen Zeiten war das Stadttor der Ort der Gerichtsbarkeit. Dort wurde entschieden, ob ein Angeklagter schuldig oder nicht schuldig ist. Ein Ort mit Symbolkraft: Das Tor ist die Grenze, der Rand der Stadt. Dort entscheidet sich Schuld oder Unschuld, Eingliederung oder Ausschluss aus der Gemeinschaft.
Das Gericht wird dann vor allem in der prophetischen Verkündigung zur Metapher für die Gerechtigkeit Gottes. Da aber Interpreten darin zumeist ein Zorngericht verstehen, tritt sogleich eine Spannung zwischen dem Gericht und der Barmherzigkeit Gottes auf. Das Tor ist dann nicht mehr der Ort der Barmherzigkeit, sondern der des (Zorn)Gerichtes.
Soweit ich mich allerdings mit der Gerichtsmetapher im Alten und Neuen Testament beschäftigt habe, kann ich das Verständnis vom Zorngericht nicht teilen: Vor Gericht zu stehen ist keine Strafe. Vor Gericht wird erst über Schuld verhandelt; die Strafe folgt dann, wenn es kein Gericht mehr gibt. Dies könnte auch an den einzelnen Bibelstellen nachgewiesen werden.
Eine Gerichtsankündigung ist daher keine Drohung per se, sondern die Ankündigung, dass Gott Gerechtigkeit verwirklichen wird. … und das ist die höchste Form der Barmherzigkeit. Nur ist eben die Gerechtigkeit Gottes eine „höhere“ wie es in der Einleitung zur Bergpredigt heißt und damit noch lange nicht die Gerechtigkeit der Menschen.
Wer also durch die Heilige Pforte schreitet, sich öffnet für das Licht und die Barmherzigkeit Gottes, ist zugleich verpflichtet, die höhere Gerechtigkeit Gottes, seine Barmherzigkeit zu verwirklichen – vor allem an den Rändern unserer Gesellschaft, also an jenen Orten, wo Menschen leben, die aufgrund der menschlichen Gerechtigkeit zu den Verlierern gehören.
Das Tor selbst stellt schon einen Rand, eine Grenze dar. Es ist ein Ort der Durchlässigkeit. Wenn Grenzen unsere Identität markieren, markieren Türen und Tore die zerbrechliche Auflöslichkeit unserer Identität durch das, was außerhalb unserer liegt. Damit wird auch markiert, dass keine Identität absolut und unveränderlich, sondern vielmehr durchlässig ist. Das Aufmachen der Kirchentüren soll genau diese Realität in die Lebenswirklichkeit der Christen hereinholen.

Impressum und Datenschutz