Keine Ahnung! Eine persönliche Replik zur Fastenzeit 2020

Samstag, 18. April 2020 - am Todestag meiner Großmutter

einsamer Hase

Diese Fastenzeit war für mich persönlich die seltsamste, die ich bis jetzt erlebt habe. Und dabei spreche ich gar nicht so sehr von Corona. Seltsam – mehr fällt mir dazu momentan nicht ein. Was es für mich und mein Leben längerfristig bedeutet, wird sich noch weisen.
Hier einer persönliche Replik, die versucht, das in fixierende Worte zu bringen, was noch im Fluss ist. Ein Aufarbeitung für mich? Für andere? Wer weiß!

Der Fastenvorsatz
Schon das ist seltsam für mich, da ich schon viele Jahre keinen solchen Vorsatz mehr gemacht habe. Ich habe nie verstanden, warum ich 40 Tage anders leben soll, danach aber alles gleich weiter gehen kann. Wenn es schon um persönliche Umkehr geht, dann sollte sich ja etwas bleibend verändern. Vor ca. zwei Jahren im Sommer habe ich mir vorgenommen, genau diesen Weg zu gehen: nachhaltige Veränderungen in meinem Leben umzusetzen. Da sind Dinge dabei wie kein Fleisch mehr zu essen oder keinen Alkohol mehr zu trinken bis hin zum persönlichen Bereich, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.
Heuer wollte ich – anders als in den letzten Jahren – die Fastenzeit nutzen, wieder einen Schritt in diese Richtung zu gehen. Die Fastenzeit als Anlass für die nächste Veränderung. Ich bin ja ein Serienjunkie und ich verbringe aus meiner Sicht zu viel Zeit beim Streamen. Fernseher habe ich schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Nun, das sollte sich ändern und ab dem Aschermittwoch gab es keine Videos, keine Filme, keine Serien mehr. Kurzum: kein Streamen. Stattdessen: mehr lesen.

Dann kam Corona
Das alles ging ganz gut. Und dann kamen die Ausgangsbeschränkungen und viel Zeit zu Hause. Der Einstieg in diese Zeit war für mich holprig, aber keine großes Krise. Die globale Krise wurde nicht zur persönlichen Krise, sondern zur Chance, Liegengebliebenes zu erledigen und über die nächsten Schritte nachzudenken.
Aber das Streamen? Mit dem habe ich wieder angefangen. Fastenvorsatz gebrochen. Ich lese dennoch mehr als zuvor. Man hat ja Zeit.
Und ich merke in mir, dass es noch ein größere Veränderung braucht, dass alles dahin strebt; wenngleich ich das noch nicht in Worte fassen kann. Da brauche ich noch Geduld mit mir selbst.

Der erste Tod
Am Wochenende des Palmsonntags habe ich erfahren, dass sich mein Halbbruder das Leben genommen hat. Ich habe ihn zuletzt vor zehn Jahren gesehen. Überhaupt habe ich zu diesem Teil meiner Herkunft, zur Familie meines Vaters, keinen Kontakt. Das ändert sich nun.
Mit diesem Ereignis war ich nicht nur mit dem Tod konfrontiert, sondern auch mit meiner Familiengeschichte, die keine einfache ist – mit vielen Verletzungen, Missverständnissen und Kontaktabbrüchen. Ich freue mich über den Kontakt zu meiner Halbschwester, die es mir nun ermöglicht, wieder eine neue Sichtweise auf meine eigene Vergangenheit zu werfen. Es braucht halt auch zeitlichen Abstand, um Gewesenes neu zu deuten.
Ich war auch sehr froh, dass ich bei der Verabschiedung meines Halbbruders dabei sein durfte.
Wie all das weiter geht? Keine Ahnung.

Die Gottesdienste
Der derzeitigen Situation geschuldet, mussten wir – meine Frau und ich – Ostern anders feiern. Über den Palmsonntags-Gottesdienst habe ich schon geschrieben (siehe hier). Mit meiner Frau feierte ich dann die heiligen drei Tage: Letztes Abendmahl – Tod Jesu – Grabesruhe – Auferstehung. Für mich waren es keine perfekten Gottesdienste, eher Experimente, aber authentischer in Bezug auf unseren Glauben als das, was Jahr für Jahr in den Kirchen gefeiert wird.
Diese Authentizität möchte ich behalten und noch verbessern. Es bleibt abzuwarten, wie ich diese Lehre in den nächsten Monaten und dann nächstes Jahr zu Ostern umsetzen kann.
Jedenfalls: Eines, was da in mir sicher schlummert, ist die Frage, wie ich meinen Glauben, den Glauben an Jesus Christus, authentisch leben kann. Das führte ja dazu, dass ich vor zwei Jahren begonnen habe, mich gezielt zu verändern. Einfache Antworten gibt es da nicht.

Der zweite Tod
Und dann am Ostermontag haben meine Familie und ich zugesehen, wie ein Mann aus dem siebten Stockwerk des Nachbarhauses gesprungen ist. Seine Wohnung war in Brand geraten und er sprang scheinbar in Panik. (Mittlerweile vermutet man suizidale Absicht.) Ich war der erste bei ihm, um zu sehen, ob noch Hilfe möglich ist. Es kam jede Hilfe zu spät. Einsatzkräfte waren versammelt, sperrten alles ab. Viele Augenzeugen waren dabei, manche sichtlich betroffen. Trotz meiner eigenen Betroffenheit habe ich ein paar Dabeistehende angesprochen, um auf die kommenden Betreuer der Krisenintervention aufmerksam zu machen. Und vor der Polizei habe ich zwei Aussagen gemacht.
Im Nachhinein habe ich erfahren, dass es einige Menschen gab, die vor dem Vorfall versucht haben, dem Mann zu helfen. Keiner konnte etwas ausrichten. Da steht man nicht nur ohnmächtig da, sondern kann dem Unvermeidlichen dabei zusehen, wie es zur Katastrophe führt. So ging es nicht nur mir, sondern vielen Nachbarn, die das beobachtet haben.

Der Tod lässt sich nicht verdrängen - nur vorübergehend (siehe hier).

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Mittlerweile geht es besser, aber ich muss es langsamer angehen. Und ich habe Zettel in der Nachbarschaft aufgehängt, damit die Menschen darüber informiert sind, was eine akute Belastungsreaktion ist.
Welche Bedeutung das für mein Leben hat? Keine Ahnung.

Und Gott?
Ich habe mich in den letzten Wochen wieder einmal mit dem Thema der Gottverlassenheit auseinandergesetzt und einiges dazu gelesen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schreit Jesus vom Kreuz. Die Spiritualität der Dunkelheit stellt die Gottverlassenheit in den Mittelpunkt (siehe hier).
Und ich habe mich mit der Prozesshaftigkeit unseres Glaubens auseinandergesetzt. Mit dem Nicht-Stillstehen, sondern der ständigen Veränderung. Eben dass wir auch im Glauben einen Weg gehen.

Und wo Gott in den Erlebnissen der letzten Wochen anwesend war und wo er mich und andere verlassen hat, wage ich nicht zu sagen. Und wo mein Weg hingeht, weiß ich auch nicht. Das Streamen ist derzeit allerdings das kleinste Problem.

Und wie es im restlichen Jahr weiter geht? Auch keine Ahnung. Nur, dass ich am 3. Oktober mein 10jähriges Weihejubiläum feiere. Und wie das im Zusammenhang all dieser Erlebnisse steht, wird sich zeigen.

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