Darf man als Mann der Kirche in der Öffentlichkeit Kritik an der Kirche üben?

28. März 2020

offene Kirchentüre

Ich habe schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ich in Sozialen Netzwerken auf einen kritischen Kommentar der Kirche gegenüber heftige und sehr emotionale Reaktionen von anderen kirchlich engagieren Menschen erhalten habe. Da wird eingewandt, ich selber sei ja Kirche und solle nicht so tun, als ob ich außen stehe. Außerdem habe ich zu bedenken, dass Soziale Netzwerke ein öffentlicher Raum sind. Und Kritik an der Kirche sollte von mir nicht in der Öffentlichkeit, sondern intern vorgebracht werden. Schließlich wird gesagt, es liefere jenen Argumente gegen die Kirche, die ohnehin mit ihr nichts Gutes im Schilde führen. Das Ganze wird dann noch fein garniert mit heftigen Emotionen, die was bezwecken wollen? Einschüchterung? Stärke und Überlegenheit? Macht? Ich, der Gute; du, der Böse? Oder geht es nur um die Abfuhr plötzlich aufkommender Emotionen, die keinen weiteren Zweck verfolgt?

Nun: Um gleich einmal die Frage zu beantworten: Ich bin nicht nur der Ansicht, dass man Kirche in der Öffentlichkeit kritisieren darf, sondern zudem auch, dass es sich dabei um ein gutes Glaubenszeugnis handelt. Daher hier meine Gegenargumente, wobei ich im Folgendem immer voraussetze, dass die Kritik von einem kirchlich engagierten Menschen geübt wird:



  1. Darf man in seiner Kritik pauschal von „der Kirche“ sprechen? Immerhin ist die Kirche ja ein komplexes, vielfältiges soziales Gebilde. Antwort: Ja und Nein. Es hängt von der Art des Inhaltes ab. Gibt es nämlich einen Akteur oder eine Gruppe von Akteuren, gegen die sich die Kritik äußert, dann ist es nicht legitim von „der Kirche“ zu sprechen. Viele tun das, wenn zum Beispiel der Papst etwas sagt und sie dann die Kritik gegen seine Worte als Kritik an „der Kirche“ formulieren. Hier lässt sich ein Akteur identifizieren, daher ist es nicht zulässig, pauschal von „der Kirche“ zu sprechen.
    Andererseits – systemisch betrachtet – gibt es in diesem sozialen Gebilde nicht immer eindeutig zu identifizierende Akteure. Vielmehr gibt es auch Trends, Mainstream und ein Zusammenspiel von Vorgängen unterschiedlicher Herkunft. Eine Kritik gegen solches darf sich meines Erachtens durchaus als Kritik an „der Kirche“ äußern, wenngleich damit natürlich die Gefahr besteht, auch jene mitzutreffen, die bei diesen Trends nicht mitmachen. Denn überall dort, wo es einen Mainstream gibt, gibt es auch Subkulturen und einen Underground. Auch in der Kirche.
  2. Zu beachten gilt weiters: Wenn in einer Kritik pauschal von „der Kirche“ gesprochen wird, dann meint der Kritiker immer auch sich selbst. Und das ist gut so! Denn ich erwarte mir von Christen, dass sie sich ständig selbst hinterfragen und sich durch Selbstkritik weiterentwickeln. Nicht zuletzt ist das eine Grundbotschaft des Evangeliums: „Kehrt um!“ - Dieser impliziten Selbstkritik muss sich der Kritiker immer bewusst sein.
  3. Eine solche Kritik will auch nicht die Kirche zerstören, sondern nur Fehlentwicklungen entgegen wirken. Das ist ebenfalls legitim. Denn Fehlentwicklungen sind solche Vorgänge, die vom Glauben und dem Evangelium wegführen. Ich möchte nicht für alles Geradestehen, was in dieser Kirche passiert. Und ich möchte es in der Öffentlichkeit auch nicht verteidigen wollen. Schweigen dazu möchte ich aber auch nicht.
  4. Die Grundlage für die Argumentation gegen öffentliche Kritik, aber für interne Kritik setzt einen Unterscheidung von Innen und Außen voraus. Diese Unterscheidung hat schon das II. Vatikanum nicht nur problematisiert, sondern auch zu überwinden versucht. Wer ist in der Kirche? Und wer steht draußen? Wie auch immer man hier Grenzen ziehen möchte: Kirche ist immer darauf aus, diese Grenzen zu überschreiten. Kirche ist immer auf das Außen hin ausgerichtet. Auch das ist ein Grundsatz des Evangeliums: „Geht hinaus und verkündet das Evangelium!“ Und auch P. Franziskus spricht in „Evangelii Gaudium“ von den Kirchentüren, die geöffnet werden müssen, damit wir hinausgehen.
  5. Apropos P. Franziskus: Ist nicht er der prominenteste, öffentliche Kritiker gegenüber kirchlichen Fehlentwicklungen. Immerhin hat er sich zum Beispiel schon mehrmals gegen eine Klerikalisierung und klerikales Gehabe in der Kurie aber auch auf anderen Ebenen ausgesprochen.
  6. Zudem: Soll man es wirklich einfach hinnehmen, wenn ein Weihbischof in einem Video die Corona-Pandemie als Strafe Gottes deutet? Es ist gut, wenn selbst andere Bischöfe dieser Ansicht in der Öffentlichkeit wiedersprechen.
  7. Man muss ja nicht jedem Kritiker von außen – wer auch immer sich selbst so sieht – recht geben. Aber man kann ihm recht geben dort, wo er auch recht hat. Denn wir gesagt: Möchten Sie für alles Geradestehen, was in der Kirche passiert?
    Es gibt berechtigte Kritik an der Kirche und wenn kirchliche Vertreter diese in der Öffentlichkeit äußern, dann geben sie gerade jenen Menschen, die die gleiche Kritik üben und sich deshalb von der Kirche abgewendet haben, einen Anknüpfungspunkt, der Kirche wieder glaubwürdiger macht.
  8. Ob die Kritik aber stimmt, das kann sich ja durch einen öffentlichen Diskurs bewähren oder eben nicht. Kein Kritiker muss recht haben; er kann durch Rede und Gegenrede auch etwas dazulernen. Denn auch Menschen, die sich nicht als Teil der Kirche sehen, können kirchliche Einrichtungen positiver bewerten als Menschen in der Kirche. Auch diese Erfahrung habe ich schon gemacht.
  9. Wer gibt nun ein schlechtes Zeugnis ab? Ich denke nicht, dass derjenige ein schlechtes Zeugnis abgibt, der gegenüber der Kirche in der Öffentlichkeit Kritik übt. Ich glaube sogar, er macht die Kirche glaubwürdiger, weil er bereit ist, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Und er nimmt am öffentlichen Diskurs über die Kirche Teil und zieht sich nicht ängstlich in sein Kämmerlein zurück. Denn natürlich geschieht ja die Teilnahme am öffentlichen Diskurs nicht bloß in Form von Kritik, sondern auch in Form von Erklärungen, Darstellung von Gegenansichten, Verteidigung des Guten in der Kirche und letztlich in Form von Glaubensverkündigung.
  10. Unglaubwürdig werden die kirchlichen VertreterInnen dann, wenn sie in der Öffentlichkeit – aber auch intern – über einander herfallen und unversöhnlich streiten. Denn immerhin ist die Versöhnung jenes Ereignis, das zentral jeden Sonntag gefeiert wird.
    Ich denke auch, dass all jene ein schlechtes Zeugnis ablegen, die Kirche in der Öffentlichkeit in allem verteidigen oder zumindest bei berechtigter Kritik einfach schweigen.


So komme ich am Ende nochmals auf die Emotionen zurück: Auch ich bin in der Formulierung manchmal provozierend und das kann manche Menschen verletzten. Das ist nicht meine Absicht, kann aber geschehen. Das tut mir leid.
In unserer Gegenwärtigen Medienlandschaft ist es gleichzeitig auch so, dass nur jenes unmittelbar diskutiert wird, was die Emotionen weckt. Daher sind öffentliche Stellungnahmen immer eine Gratwanderung, zwischen einer trockenen Abhandlung, die niemanden interessiert, und einer angriffigen Stellungsnahme, die ausschließlich heftige Emotionen schürt. Die Tugend liegt in der Mitte, wie Aristoteles meint.

Für mich als Fazit: Legen wir ein gutes Zeugnis ab über den Glauben, indem wir dort auch öffentlich Kritik äußern, wo die Kirche sich vom Glauben zu entfernen scheint. Und machen wir so die Kirche glaubwürdig, gerade weil der Kritiker Teil der Kirche ist.

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