Abschaffung von Speisesegnungen.
Oder: Die Vermeidung des Todes

Karsamstag, 11. April 2020

einsamer Hase

In manchen Gegenden wird am Karsamstag ganz besonders das achte Sakrament gefeiert: die Speisesegnung. Sicherlich ist es für viele weniger häretisch, das Frauenpriestertum oder die Abschaffung des Papstamtes zu fordern, als dafür einzutreten, diese Art von Speisesegnungen zu beenden. Aber genau das tue ich - also das Beenden von Speisesegnungen am Karsamstag zu fordern. Und gerade an diesem Karsamstag 2020, an dem ich wieder einmal zahlreiche Fotos von reichlich gedeckten Tischen in Sozialen Medien sehe.

Den Tod nicht aushalten können
Im Messbuch findet sich zum Karsamstag folgende Anweisung:



Am Karsamstag verweilt die Kirche am Grab des Herrn und betrachtet sein Leiden und seinen Tod. Das Messopfer wird nicht gefeiert, der Altar bleibt unbedeckt. Erst in der Osternacht, in der die Kirche die Auferstehung des Herrn erwartet, bricht die österliche Freude durch, die sich durch fünfzig Tage in ihrer ganzen Fülle entfaltet.
Die heilige Kommunion kann am Karsamstag nur als Wegzehrung gereicht werden.



Der Karsamstag ist der einzige Tag im Jahr, an dem es verboten ist, eine Messe zu feiern. (Ansonsten ist es ja den Priestern empfohlen, täglich die Messe zu feiern.) Nun gut, eine Segnung ist keine Messe, ist damit also auch nicht verboten.
Jedoch: Lesen wir auch den Sinn dieses Messverbotes heraus: Es geht darum, sich des Todes Jesu bewusst zu sein.
Inne halten.
Den Tod aushalten.
Nicht weiter gehen.
Am Grab stehen bleiben.
Es ist nichts mehr wie vorher.

Ist es in diesem Sinne angemessen, sich den ganzen Karsamstag mit den Vorbereitungen der Osterjause zu beschäftigen, in überfüllte Kirchen zu laufen und sich innerhalb von 15 Minuten schnell einen Segen abzuholen? Es ist laute, jubelnde Festtagsstimmung, wo doch Ruhe und das Betrachten des Todes im Vordergrund stehen sollen.
Der gedeckte Tisch zu Hause ist das Gegenbild zum abgedeckten Altar in der Kirche.

Und für die Liturgen, egal ob Priester, Diakone oder SegenfeierleiterInnen ist es ein Gehetze von Termin zu Termin, von Segnung zu Segnung, von Kirche zu Bildstock.
Freundliches Gesicht.
Ja nichts Falsches sagen, lustig sein.
Sonst kommen die Menschen nächstes Jahr nicht mehr oder schimpfen auf die Kirche und den grantigen Pfarrer.
Der lustige Liturge als Gegenbild zum besinnlich-beschaulichen Betrachter.

Ist das der Sinn von Karsamstag? Sollte er uns nicht mahnen, auch unseren eigenen Tod und den unserer Angehörigen und Freunde zu betrachten? Soll er uns nicht helfen, ein Leben im Bewusstsein der Endlichkeit allen menschlichen Seins zu führen?

Ein Tag, an dem nicht einmal die Speise des ewigen Lebens zur Verfügung steht. Eigentlich der strengste Fasttag des Jahres!

Und ich?
Selbstverständlich habe auch ich am Karsamstag Speisesegnungen vorgenommen. Aber je mehr mir der Sinn dieser heiligen Tage bewusst geworden ist und die Wirkung der Todvergessenheit, desto schwerer habe ich mir damit getan. Bis ich aufgehört habe, solche Speisesegnungen zu feiern. Übrig geblieben ist eine Segnung innerhalb meiner erweiterten Familie, die ich nicht dazu bewegen konnte, die Osterjause auf den Sonntag zu verlegen. In diesem Jahr hatte ich mich endlich entschlossen, an dieser familiären Osterjause nicht mehr teilzunehmen. Und damit auch keine Segnung mehr durchuzuführen.

Und dann kam Corona und hat das Problem auf seine Weise gelöst. Heute gibt es bei uns keinen reichlich gedeckten Ostertisch.
Erst morgen.
Nach der Auferstehung.
Mit allem Drum und Dran - sodass vom Fleischesser bis zur Veganerin jeder und jede glücklich wird.

Was dann?
Den Karsamstag verbringe ich mit „Wenig-Tun“, denn Nichts-Tun wäre übertrieben. Das erste Mal ein Karsamstag, an dem nichts geplant ist. Ein Tag der Ruhe.
Und ich gebe zu, noch kein Tag des Verweilens am Grab Jesu. Da braucht es noch etwas, vielleicht ein Ritual, ein Gebet. Vielleicht ein Angebot auch für andere Menschen, die Lernen wollen, diesen Tag und seinen Sinn auszuhalten.
Ich weiß es noch nicht. Aber dass mir bewusst ist, dass ich das noch nicht weiß und dass ich hoffe, aus diesem „Wenig-Tun“ und der Ruhe etwas Neues entstehen zu lassen – das ist das Geschenk, das ich heute empfangen durfte.

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