*„Wir alle brauchen eine Zuhause, einen Raum, in dem wir Kongruenz erfahren, um das Unbekannte und Bedrohliche um uns herum mit Mut meistern zu können – einen Raum, sowohl in unserem Inneren als auch ganz physisch, als festen Ort. Einen Ort der Liebe. Mit dem Wort ‚Liebe‘ geht eine große Sehnsucht einher. Wir verbinden damit die Suche nach Geborgenheit, nach stabiler und verlässlicher Beziehung. Nach exklusiven Bindungen, in denen wir Intimität erfahren und nach einem geschützten Raum, in dem wir so sein können, wie wir wirklich sind. Und gleichzeitig scheitern wir oft an den Ansprüchen, die mit unserem Bild von Liebe verbunden sind, Frustration macht sich breit und führt zum Streit, zu Trennungen oder zu einem Rückzug ins Schweigen.“*
Das schreibt die Philosophin und Publizistin Veronika Fischer in ihrem Buch über die Liebe.
Mit dem Ausdruck „Zuhause“ benennt sie den Endzustand, in dem das Streben nach Vereinigung zum Ziel kommt. damit aber nicht nur die Liebe, sondern der Mensch selbst kommt damit zum Ziel. Man ist fast versucht zu sagen: Der Mensch ist wesenhaft ein Liebender, ein nach einem Zuhause sich Sehnender. Ist der eine Pol – in den Worten Fromms – die unerträgliche Einsamkeit, so ist der andere Pol das erfüllende Zuhause.
Die Liebe wird von Fischer als Raum vorgestellt, in dem Intimität und Geborgenheit Platz haben. In diesem Schutzraum ist man vor dem Bedrohlichen „um uns herum“ behütet. Bei dieser Beschreibung müssen wir brachten, dass Fischer im Gegensatz zu Fromm ausschließlich von der romantisch-erotischen Liebe spricht.
Diese Raum-Metapher greift auch die deutsche Sängerin Yvonne Catterfeld in ihrem Lied „Tür und Angel (2017) auf. Es handelt sich um ein Duett mit dem Sänger Chima. Beide sprechen davon, dass ihr Leben bisher in einem Zwischenraum stattgefunden hat, also zwischen Tür und Angel. Dieser ist aber nur eine „halbe Sache“, in der „der Platz für sich selbst nicht gefunden wurde“. In diesem Zwischenraum droht man sich selbst zu verlieren. Und dann singt Catterfeld:
„Doch bei dir ist alles anders, du lässt mich hier nicht steh’n
Ermutigst mich zu bleiben, auszupacken, loszuleben
Und mit dir komm‘ ich heim
Lässt mir Raum und die Zeit
Du zeigst mir, worauf es ankommt
Dass wir ankomm’n, dass wir ankomm’n „
Erst in der Liebesbeziehung gibt es ein Zuhause, Ankommen. Und dann beginnt das Leben. Das Leben ist also nicht dort zu finden, wo ich bindungslos durch die Welt schweife, sondern dort, wo ich eine (exklusive) Bindung eingehe, wo sich Raum und Zeit öffnen, in denen ich in der Ausrichtung auf ein Du zu mir selbst kommen kann. In der Philosophie nennt man das die dialektische Dynamik von Liebe: Erst, indem ich mich einem Du hingebe, komme ich zu mir selbst. Das Sich-jemand-anderen-Vorenthalten ist nur scheinbar die Rettung des eigenen Ichs; im Gegenteil: Es ist der Verlust seiner selbst.
Chima singt mit anderen Worten die gleiche Erfahrung:
„Nicht nur suchen, auch endlich mal finden
Du rahmst mir meine Bilder
Stellst das Haus mit Liebe voll
Ich glaub‘, geh’n ist nur Silber
Im Bleiben liegt das Gold“
In der Liebe hat das Suchen ein Ende gefunden. Wer angekommen ist, kann bleiben. Auch hier: Das Herumschweifen durch das Leben und die Welt ist nicht das Eigentliche. Zuhause gibt es nur da, wo man Bleiben kann. Und die Liebe ist ein solcher Ort, wo man bleiben kann, wo man zu Hause ist.
Die Dialektik, dass das Ich nur am Anderen zu sich kommt, eröffnet erst Freiheit. Freiheit durch Bindung, weil der Mensch sein Wesen verwirklicht hat. So spricht die Philosophin Eva von Redecker (20./21. Jh.) von Bleibefreiheit. Dieser kleine Seitenblick sei mir gestattet. Sie meint, Freiheit sei nicht die Möglichkeit, hingehen zu können, wo man will, sondern bleiben zu dürfen, wo man will. Hat sie damit nicht einen wunden Punkt unserer Zeit getroffen? Wollen wir den Menschen nicht allzuoft ihre Bleiben verunmöglichen? Den Flüchtlingen z. B., die aus verschiedenen Gründen nicht zu Hause bleiben können, aber eben bei uns auch nicht? Oder bei Arbeitslosen, die gefälligst auch Arbeiten annehmen sollen, die viele Kilometer und Stunden von ihrem Zuhause entfernt sind? Sind diese Forderungen nicht das Gegenteil von Liebe? Das Einschlagen von Schutzräumen? Das Bedrohliche von außen, das erbarmungslos Liebe zerstört? Ist das nicht Hass und Zweitracht? Sollte das Bleiben-dürfen also ein Grundrecht des Menschen sein? Bedeutet das aber, dass der Mensch von seinem Wesen her ein Bleibender, ein Sesshafter ist?
Wer darf also bleiben? Wenn sich die Liebe nicht nur in einem realen Ort verwirklicht, sondern auch im metaphorisch Bleibenden, so kann gefragt werden: „Was bleibt?“ Und genau das tut auch Catterfeld in einem anderen Lied mit genau diesem Titel. Die Sängerin stellt sich existenzielle Fragen: Was, wenn die falschen Wünsche in Erfüllung gehen, wenn meine Lebenszeit aus den Händen rinnt, wenn mir nichts mehr etwas bedeutet? Was bleibt dann? Antwort:
„Ganz leis hör ich dich atmen neben mir
Und bin zuhaus
Was bleibt, oh bist du?
Was bleibt, oh bist du?
Dieser Klang, wenn du lachst
Ist die Antwort auf das, was ich such
Was bleibt, oh bist du?“
Im ersten Moment wird man wieder an eine Beziehung denken. In mir entsteht das Bild eines schlafenden Mannes, der von der Sängerin beobachtet wird. Bei all dem, was momentan im Leben zusammenbricht, bleibt eines: Die Liebe zwischen diesen beiden. Hier ist das lyrische Ich zu Hause.
Diese Interpretation ist zwar möglich, aber nicht die einzige. Die Sängerin hat 2014 ihr erstes Kind bekommen. Das lyrische Ich könnte dabei also auch ein schlafendes Kind beobachten: Was bleibt, ist das Kind. Das Kind wird zur Erfüllung der Sehnsucht, ein Zuhause zu haben, v. a. dann, wenn alles andere im Leben zusammenbricht. 2021 hat sie sich auch vom Vater des Kindes getrennt.
Was also bleibt?**



4 Antworten
Ich hab den Refrain immer so verstanden „Was bleibt? Wo bist du?“. Hab’s mir aber gerade nochmal angehört und es ist tatsächlich „Was bleibt, bist du.“
Ja, ich finde es immer interessant, wenn man so einfach von einem Menschen behauptet, dass er bleibt.
Bleibefreiheit ist ein schönes Wort, das behalt ich mir.
Ansonsten bedaure ich die Engführung von Liebe als blosse Erosliebe, der einzig ewige Landeplatz ist und bleibt für mich G:tt 😀.
Lg aus Graz, Petra
Liebe Petra,
vielen Dank für deinen Kommentar. Ich gebe dir völlig recht. Das ist wohl Zeichen unserer Zeit, dass wir von der erotischen Liebe alles erwarten, obwohl wir nur mit unvollkommenen Menschen zu tun haben.
Dieser Text ist nur ein kleiner Abschnitt aus dem, was mal mein nächstes Buch werden soll.
Liebe Grüße Karlheinz
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