Ich habe im vergangenen Jahr mehrere Bücher zu den Themen Glaube und Theologie gelesen. Hier einige Empfehlungen.
Urs Küry / Christian Oeyen, Die altkatholische Kirche (1966 / 1978)
Das Buch wurde in erster Auflage von Küry, Bischof der christkatholischen Kirche der Schweiz, 1966 verfasst. Er wollte es später nochmals überarbeiten. Jedoch kam ihm sein Tod dazwischen. Daher wurde es 1978 von Christian Oeyen leicht überarbeitet neu herausgegeben.

Die altkatholische Kirche (oder in der Schweiz: christkatholische Kirche) gründete sich in den Jahren nach dem Ersten Vatikanischen Konzil, welches die Unfehlbarkeit und den Jurisdiktionsprimat des Papstes definierte und damit dessen absolutistische Macht einzementierte. Viele Katholiken im deutschsprachigen Raum, aber auch darüber hinaus lehnten diese Dogmen ab. Sie sahen darin eine Neugründung der Kirche, die sich von ihrem Wurzeln abgeschnitten hatte. Sich selbst sahen sie als Bewahrer der eigentlichen katholischen Kirche, also der alten Kirche. Daher auch der Name Altkatholiken.
Das Buch stellt die Geschichte, die Lehre und die Anliegen der altkatholischen Kirche dar. Einer der markantesten Unterschiede zur römisch-katholischen Kirche sind die ökumenischen Bemühungen dieser „neuen“ alten Kirche: Der Geist ist getragen vom Bedürfnis, sich in theologischer Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit anderen christlichen Konfessionen auseinanderzusetzen. Die dadurch geschaffenen Einheiten sind nicht struktureller Art, sondern vielmehr die Art der gegenseitigen Anerkennung und Intersakramentalität. D. h. die Sakramente werden gegenseitig anerkannt; so z. B. mit der anglikanischen, evangelischen oder tlw. orthodoxen Kirchen.
So sehr das Wort „altkatholisch“ nach veraltet und verzopft klingt, so aufgeschlossen und modern gibt sie sich heute: keine Zölibatsverpflichtung, keine Sonntags- oder Beichtpflicht, Frauen in kirchlichen Ämtern. Aber nicht überall in der altkatholischen Kirche. Sie kann nämlich auch mit unterschiedlichen internen Haltungen leben.
Das Buch von Küry ist ein Zeugnis aus einer Zeit, wo z. B. die Frauenweihe auch für Altkatholiken nicht in Frage gekommen ist. Und gelesen in der heutigen Zeit ist es auch ein Zeugnis für eine Kirche, die bereit ist, keinen hierarchisch-autoritären Stil zu leben, sondern von einer Gemeinschaft, in der sich synodal alle Getauften austauschen können und in der es auch zu Verändeurngen kommen kann – in Treue zur alten Kirche des ersten Jahrtausends, wie es Küry immer wieder betont.
Es ist lesenswert, obwohl die historische Forschung heute einiges anders sieht. Wie eben die Vorstellung einer einheitlichen Kirche im ersten Jahrtausend, auf die sich Küry mehrmals bezieht.
Dorothee Sölle, lieben und arbeiten. Eine Theologie der Schöpfung (1985)

Das Buch entstand als Nachwirkung einer Vorlesungsreihe, die die evangelische Theologin in den USA gehalten hat. In dreizehn Kapitel legt sie eine Theologie der Schöpfung vor, die nicht metaphysische, sondern politisch motiviert ist.
Ausgangspunkt ist die jüdische Grunderfahrung der Befreiung (aus der Skalverei in Ägypten). Dementsprechend versteht sie Schöpfung als Akt der Befreiung. Als Ebenbilder Gottes bedeutet das aber, dass auch wir Menschen aufgefordert sind, durch Lieben und Arbeiten an dieser Schöpfung mitzuwirken. Der Mensch ist Co-Kreator, Mit-Schöpfer Gottes. Die Schöpfung ist kein vollendes Werk Gottes.
Der Liebe widmet sie sich allerdings nicht so ausführlich wie der Arbeit. Diese und unsere Arbeitsgesellschaft analysiert sie vor allem mithilfe marxistischer Begrifflichkeit. Karl Marx nennt sie neben anderen auch als Kirchenlehrer.
Sölle wendet sich damit gegen eine Gottesvorstellung, in der Gott weit weg ist. Vielmehr ist er in der Schöpfung ständig gegenwärtig. Damit kritiert nicht nur den gegenwärtigen Kapitalismus, der sich seit den 1980er-Jahren nicht geändert hat, eher schlimmer geworden ist, sondern rüttelt auch an protestantischen Grundüberzeugungen.
Das Buch ist jedenfalls heute noch lesenswert. Auch wenn man nicht mit allem konform gehen muss, was Sölle schreibt. So ist es beispielsweise mir die krasse Gegenüberstellung vom fernen und vom nahen Gott nicht einsichtig, zumal sie mit dem fernen Gott einen autoritären und mit dem nahen Gott den liebenden verbindet. Hätte sie die Exodus-Erzählung genau gelesen, könnte sie das so nicht sagen.
Ralf Frisch, Gott. Eine Theologie für das Anthropozän (2024)
Ralf Frischs Buch ist weniger eine Ausleuchtung des Glaubens oder von Glaubensdimensionen, sondern wirkt eher wie eine klassische Apologie des Glaubens, also eine Verteidigung. Die zielt darauf ab, die Gegenpositionen zu problematisieren und deren Ungenügen herauszustellen. Vor allem geht es dem reformierten Professor für systematische Theologie darum, in Theologie, Kirche und Glaube nicht auf Gott zu vergessen. Dies wirft er der evangelischen Kirche vor, die Theologie in Ethik verwandelt hat. Und er übt dabei auch Kritik an Sölle.
Dies alles geschieht in 42 Kapitel, die jeweils nicht mehr als fünf Seiten haben. Aber nicht nur die kurzen Kapitel, sondern auch die einfache, am Alltagssprech orientierte Sprache macht das Buch leicht lesbar.

Frisch erreicht damit jedoch keine existenzielle Tiefe. Der Glaube ist, was er ist. Er wird zwar in morderner Sprache aber mit den immer gleichen Inhalten formuliert. Trotz frischer Formulierungen bleibt der Glaube daher heutigen Menschen wenig- bis nichtssagend.
Spannend ist aber sein Zugang des Vielleicht. Dabei nimmt er sich in seinem Anspruch sehr zurück. Er will nicht sagen, wie es ist und dass es genau so ist, wie er es sagt. Sondern nur: Es könnte so sein. Vielleicht ist es so. „Vielleicht ist es wahr“, wie ein Kapitel heißt.
Aber so ganz kann man mit dem Vielleicht auch nicht leben. Und so findet sich z. B. auch der Satz: „Denn allein Gott ist es, der alle Wunden heilen und alles gut machen kann.“ (S. 140) Und daran sieht man schon, dass er sich über den Mainstream der Glaubensdarstellung nicht hinausbewegt.
Bernd Stegemann, Was vom Glauben bleibt. Wege aus der atheistischen Apokalypse (2024)
Wer das Buch zu liest, glaubt zunächst, ebenso eine Apologie des Glaubens zu lesen – ähnlich wie das Buch von Frisch. Nur mit einer ganz andere Sprache, nämlich orientiert an den intellektuellen Größen, deren Theorien breit entfaltet werden.
Bernd Stegemann, Philosoph und Dramaturg, bezeichnet sich jedoch als „katholisch ungläubig“. Er ist katholisch sozialisiert, glaubt aber nicht an Gott. Daher verteidigt er den Glauben nicht, sondern meint vielmehr, dass es in der heutigen säkularisierten Welt keinen Weg zurück zum religiösen Glauben gibt.
Er rechnet nicht mit dem Glauben ab oder polemisiert dagegen, sondern stellt die geistige Entwicklung vom religiösen Glauben zum säkularisierten Glauben dar. Denn auch heute glauben die Menschen, nur nicht mehr an Gott.
Manchmal lässt er es dabei ein theologischer Kenntnis fehlen wie etwa bei der Interpretation der Sündenfall-Erzählung oder bei der Taufe, die er als Namensverleihungsfeier versteht. So bleibt die Frage, welcher religiöse Glaube eigentlich vorbei sein soll und ob es nicht doch einen anderen geben kann.

Drei Abschnitte sind den Themen Glaube, Hoffnung und Liebe gewidmet. Der vierte Abschnitt stellt dann den Ausweg aus der atheistischen Apokalypse dar.
Das alles schreibt Stegemann in einer Sprache, die für die schnellen Leserin schwer zugänglich ist. Zudem wird das Lesen erschwert, weil er ausführlich immer wieder Theorien anderer darstellt und man sich am Ende fragt, warum kann er nicht einfach sagen, was er sich denkt. Warum diese langen Umwege über noch eine Theorie und noch einen Denker?
Was bleibt also vom Glauben? Die Geschichten. Für ihn ist es sinnvoll, dass die religiösen Geschichten weitererzählt werden, auch wenn an den Gott, von dem sie berichten, nicht mehr geglaubt wird.


