Seit Mitte Oktober 2025 herrscht in vielen öffentlichen Krankenhäusern Ghanas Stillstand: Pflegekräfte und Hebammen haben ihre Arbeit niedergelegt. Der Grund sind ausstehende Gehälter und die schleppende Umsetzung eines bereits 2024 vereinbarten Tarifvertrags. Besonders betroffen sind staatliche Einrichtungen – also Kliniken des Ghana Health Service und der großen Universitätskrankenhäuser. Private Gesundheitszentren bleiben weitgehend geöffnet.
Laut der Ghana Registered Nurses and Midwives Association (GRNMA) handle es sich nicht um einen spontanen Protest, sondern um eine notwendige Reaktion auf anhaltende Missstände. Am 25. Oktober 2025 rief die Gewerkschaft offiziell zu einem landesweiten Streik auf. Pflegekräfte trugen rote Armbänder und Stirnbänder als Zeichen des Protests.
Die Gewerkschaft betonte, man wolle nicht die Patienten treffen, sondern den Druck auf die Regierung erhöhen. Gleichzeitig demonstrierten in Accra über 6.500 neu eingestellte Pflegekräfte und Hebammen, die seit rund zehn Monaten auf ihre erste Gehaltszahlung warten. Eine der Demonstrantinnen sagte: “We have been working for almost a year without pay. How are we supposed to survive?” (Wir arbeiten seit fast einem Jahr ohne Bezahlung. Wie sollen wir überleben?)
Der stellvertretende Finanzminister Thomas Nyarko Ampem erklärte gegenüber der staatlichen Rundfunkanstalt GBC, die Regierung sei sich der Lage bewusst: “We are aware of the situation, and we are working around the clock to address it.” (Wir sind uns der Situation bewusst und arbeiten rund um die Uhr daran, sie zu beheben.)
Doch viele Pflegekräfte zweifeln, dass dieses Versprechen eingehalten wird – nicht zuletzt, weil ähnliche Zusagen schon im Sommer gemacht wurden.
Ein Konflikt mit Vorgeschichte
Bereits im Juni 2025 hatten Pflegekräfte und Hebammen in Ghana mehrere Tage lang gestreikt. Damals forderten sie die Umsetzung des „Collective Bargaining Agreement“ (CBA), das im Mai 2024 unterzeichnet worden war. Die Vereinbarung sah Zulagen für ländliche Einsätze, Risikoprämien und Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen vor.
Die GRNMA warf der Regierung jedoch Untätigkeit vor: “Since then, we have made several follow-ups … but we have seen no action.” (Seitdem haben wir mehrere Nachfassaktionen durchgeführt … aber es sind keine Maßnahmen erfolgt.) — erklärte die GRNMA-Präsidentin Perpetual Ofori-Ampofo.
Die Pflegekräfte hätten sich nicht leichtfertig zum Streik entschlossen, betonte sie: “We are nurses and midwives trained to provide essential health services to the Ghanaian population, and matters affecting us must be treated with the urgency it deserves.” (Wir sind Krankenschwestern und Hebammen, die dafür ausgebildet sind, der ghanaischen Bevölkerung grundlegende Gesundheitsdienstleistungen zu erbringen, und Angelegenheiten, die uns betreffen, müssen mit der gebotenen Dringlichkeit behandelt werden.)
Während des Juni-Streiks mussten viele öffentliche Kliniken in Accra, Kumasi und der Volta-Region ihren Betrieb einschränken oder schließen. Ein Regionalvertreter beschrieb die Lage drastisch: “We have been forced to walk away from the very oath we swore to save lives.” (Wir wurden gezwungen, uns von dem Eid abzuwenden, den wir geschworen hatten, um Leben zu retten.)
Regierung zwischen Verständnis und finanziellen Grenzen
Die ghanaische Regierung zeigte damals und auch jetzt Verständnis für die Sorgen der Beschäftigten, verweist aber auf finanzielle Engpässe. Gesundheitsminister Kwabena Mintah Akandoh sagte im Juni: “The Conditions of Service under reference are not captured in the 2025 budget and will completely throw the economy off-gear if implemented immediately.”
(Die genannten Dienstbedingungen sind im Haushalt 2025 nicht berücksichtigt und würden bei einer sofortigen Umsetzung die Wirtschaft völlig aus der Bahn werfen.)
In den vergangenen Monaten sei die Umsetzung der Vereinbarungen nur teilweise erfolgt, weshalb die GRNMA den Oktober-Streik als „letztes Mittel“ bezeichnete.
Private Kliniken bleiben geöffnet – CHAG in der Grauzone
Von den Streiks betroffen sind hauptsächlich staatliche Gesundheitseinrichtungen. Private Krankenhäuser wie das Nyaho Medical Centre in Accra oder das Lister Hospital arbeiten normal weiter, da sie eigene Tarifstrukturen haben und nicht unter die Vereinbarungen zwischen GRNMA und Staat fallen.
Eine Quelle, die selbst als Pflegekraft in einem privaten Krankenhaus arbeitet, verdient 300 Ghana Cedi im Monat. Das sind umgerechnet ca. 20 Euro. In staatlichen Krankenhäusern verdient man immerhin ungefähr das 10fache, aber das sind eben auch nur 200 Euro. Damit lässt sich auch in Ghana trotz niedrigerer Preise wie in Europa nicht leben.
Eine Sonderrolle nehmen die kirchlichen und NGO-geführten Häuser der Christian Health Association of Ghana (CHAG) ein. Sie werden teilweise staatlich finanziert, gelten aber formal als privat. Im Juni 2025 drohte CHAG mit Disziplinarmaßnahmen gegen streikende Mitarbeitende, was die GRNMA als „draconian measures“ bezeichnete – als überzogene Schritte gegen legitimen Protest.
Zwischen Verantwortung und Erschöpfung
Der aktuelle Streik zeigt, wie tief die Unzufriedenheit in Ghanas Pflegeberufen reicht. Viele Beschäftigte fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Die Präsidentin der GRNMA sagte bereits im Sommer: “We will not rest on our oars until the Collective Agreement is fully implemented.”
(Wir werden nicht ruhen, bis der Tarifvertrag vollständig umgesetzt ist.)
Solange sich die strukturellen Probleme – verspätete Zahlungen, Personalmangel, schlechte Ausstattung – nicht bessern, droht Ghana, in eine Spirale aus Protest, Personalausfall und Überlastung zu geraten. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das: längere Wartezeiten, verschobene Behandlungen und eine insgesamt geschwächte Gesundheitsversorgung.
Quellen
GBC Ghana Online – Unpaid nurses and midwives protest over 10-month salary delays (Oktober 2025)
Ghana News Agency – Ghana Registered Nurses and Midwives Association suspends strike (Juni 2025)
Graphic Online – Nurses’ strike: Govt committed to dialogue — Minister
Ghana News Agency – CHAG’s draconian measures against striking members condemned


