Russische Kämpfer ziehen nach Afrika, um dort Regierungen militärisch zu stützen. Gleichzeitig verlassen junge Afrikaner ihre Heimat, weil ihnen Arbeit, Geld oder eine bessere Zukunft versprochen wird – und landen schließlich an der Front im Krieg gegen die Ukraine.
Diese Entwicklung zeigt, wie eng Russlands Kriegspolitik, geopolitische Interessen und wirtschaftlicher Einfluss mittlerweile miteinander verflochten sind. Besonders sichtbar wird das in Mali – aber auch bei den vielen jungen Männern aus afrikanischen Staaten wie Uganda oder Kenia, die unter falschen Vorwänden nach Russland gelockt werden.
Bereits in zwei früheren Artikeln habe ich beschrieben, wie Russland seinen Einfluss in Afrika systematisch ausbaut und dabei den Ukrainekrieg mit afrikanischen Interessen verknüpft:
Im Artikel über Russlands Einfluss in Afrika ging es darum, wie Moskau gezielt antiwestliche Stimmung nutzt, um sich als Alternative zu Europa und den USA zu präsentieren. Russland liefert Waffen, bietet militärische Unterstützung und nutzt Desinformation sowie soziale Medien, um seinen Einfluss zu stärken. (Siehe hier!)
Im zweiten Beitrag wurde beschrieben, wie der Krieg gegen die Ukraine auch in Afrika spürbar wird: steigende Lebensmittelpreise, politische Propaganda und die strategische Nutzung afrikanischer Staaten als diplomatische Partner im internationalen Machtkampf. (Siehe hier!)
Nun zeigt sich in Mali besonders deutlich, wie weit diese Strategie reicht.
Mali: Das Einfallstor der Wagner-Truppe
Mali gehört seit Jahren zu den instabilsten Staaten Afrikas. Islamistische Gruppen, ethnische Konflikte und mehrere Militärputsche haben das Land erschüttert. Lange war Frankreich militärisch präsent, um jihadistische Gruppen zu bekämpfen. Doch die Stimmung gegen den Westen kippte zunehmend.
Genau dort setzte Russland an.
Seit 2021 arbeitet die malische Militärjunta eng mit der russischen Wagner-Gruppe zusammen – einer Söldnertruppe, die offiziell privat organisiert war, tatsächlich aber eng mit dem Kreml verbunden ist. Die Wagner-Kämpfer sollten Sicherheit bringen, islamistische Gruppen bekämpfen und die Regierung stabilisieren.
Doch die Realität sieht anders aus.
Internationale Beobachter und Menschenrechtsorganisationen werfen Wagner massive Menschenrechtsverletzungen vor: Folter, außergerichtliche Hinrichtungen und Gewalt gegen Zivilisten. Gleichzeitig nutzt Russland die Präsenz in Mali, um seinen geopolitischen Einfluss in der Sahelzone auszubauen. Dabei geht es nicht nur um Militärpolitik, sondern auch um Rohstoffe, strategische Partnerschaften und den Zugang zu afrikanischen Märkten.
Nach dem Tod von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin wurde die Truppe teilweise in das sogenannte „Africa Corps“ überführt – de facto unter direkter Kontrolle des russischen Verteidigungsministeriums. Doch das Ziel blieb gleich: Russland will seinen Einfluss in Afrika sichern und gleichzeitig den Westen verdrängen.
In Mali funktioniert das teilweise über Propaganda. Russische Fahnen tauchen bei Demonstrationen auf, antiwestliche Botschaften verbreiten sich in sozialen Medien und Russland präsentiert sich als Partner gegen koloniale Einmischung.
Afrikaner als Soldaten für Russlands Krieg
Während russische Kämpfer nach Afrika geschickt werden, läuft die Bewegung inzwischen auch in die andere Richtung.
Immer mehr junge Afrikaner reisen nach Russland – oft in der Hoffnung auf Arbeit oder Ausbildung. Einige kommen aus Uganda, andere aus Kenia, Ghana oder anderen afrikanischen Staaten. Ihnen werden Jobs als Bauarbeiter, Sicherheitskräfte oder Fabrikarbeiter versprochen.
Doch laut mehreren Berichten landen manche dieser Männer plötzlich in militärischen Ausbildungszentren oder direkt an der Front in der Ukraine.
Teilweise unterschreiben sie Verträge auf Russisch, die sie nicht verstehen. Andere berichten von Druck, Täuschung oder falschen Versprechungen. Manche wollten lediglich Geld verdienen, um ihre Familien zu unterstützen.
Gerade junge Männer aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen werden so zu einer leicht ausnutzbaren Zielgruppe. Russland profitiert dabei von Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und schwachen staatlichen Strukturen in manchen afrikanischen Ländern.
Der Kreml versucht damit offenbar auch, die eigenen Verluste im Ukrainekrieg auszugleichen. Für viele Betroffene endet der Traum vom besseren Leben jedoch im Krieg.
Wie kann sich Russland das überhaupt leisten?
Auf den ersten Blick wirkt Russlands Engagement in Afrika widersprüchlich. Der Krieg gegen die Ukraine kostet enorme Summen, westliche Sanktionen belasten die Wirtschaft und tausende Soldaten werden an der Front gebunden. Trotzdem investiert Moskau weiterhin Geld, Waffen und Personal in afrikanische Staaten.
Der Grund liegt darin, dass Russland Afrika nicht als Nebenprojekt betrachtet, sondern als strategische Investition.
Viele Einsätze laufen vergleichsweise billig ab. Statt regulärer Armeen setzt Russland oft auf Söldnerstrukturen wie die Wagner-Gruppe oder deren Nachfolgeorganisationen. Diese finanzieren sich teilweise selbst – etwa durch Beteiligungen an Minen, Rohstoffgeschäften oder Sicherheitsverträgen.
In Ländern wie Mali oder der Zentralafrikanischen Republik erhält Russland im Gegenzug Zugang zu Gold, seltenen Rohstoffen oder politischen Einfluss. Dadurch wird ein Teil der Kosten direkt kompensiert.
Hinzu kommt, dass der Kreml Afrika geopolitisch nutzt, um internationale Isolation zu vermeiden. Russische Diplomaten werben gezielt um afrikanische Staaten bei Abstimmungen in den Vereinten Nationen. Viele afrikanische Regierungen enthalten sich bei Resolutionen gegen Russland oder vertreten eine neutralere Position als westliche Staaten.
Für Moskau ist Afrika daher nicht nur militärisch interessant, sondern auch diplomatisch und wirtschaftlich wichtig.
Außerdem verfolgt Russland eine langfristige Strategie: Während Europa und die USA ihre Aufmerksamkeit stark auf den Ukrainekrieg richten, versucht der Kreml, seinen Einfluss in anderen Weltregionen auszubauen. Afrika wird dabei als Raum gesehen, in dem mit relativ begrenzten Mitteln großer politischer Einfluss gewonnen werden kann.
Gerade deshalb bleibt das russische Engagement trotz wirtschaftlicher Probleme bestehen.
Afrika wird zum geopolitischen Schauplatz
Russlands Engagement in Afrika ist kein Zufall. Der Kontinent ist reich an Rohstoffen, politisch umkämpft und strategisch wichtig. Moskau nutzt Sicherheitskooperationen, Waffenlieferungen und Informationskampagnen, um Verbündete zu gewinnen.
Dabei verfolgt Russland mehrere Ziele gleichzeitig:
politische Unterstützung in internationalen Organisationen,
wirtschaftlichen Zugang zu Rohstoffen,
militärische Präsenz in strategisch wichtigen Regionen,
und die Schwächung westlichen Einflusses.
Der Krieg gegen die Ukraine endet damit längst nicht an Europas Grenzen. Seine Auswirkungen reichen bis nach Afrika.
Der Kreislauf ist bitter:
Russische Kämpfer gehen nach Afrika.
Afrikaner gehen nach Russland.
Und am Ende profitieren vor allem jene, die geopolitische Macht über menschliches Leben stellen.
Quellen
Foreign Policy Research Institute – False Promises: Russian Military Trafficking in Africa
BBC News – Wagner Group in Mali
Human Rights Watch – Mali: Massacre by Army, Foreign Soldiers
Reuters – Russia expands Africa Corps after Wagner era
Al Jazeera – African recruits in Russia’s war against Ukraine


