Afrikanischer Jesus - Diakon Karlheinz Six

Diakon Karlheinz Six

Der 28. Oktober 2022

Titelbild: Der 28. Oktober 2023

Am 28. Oktober 2022 holte ich die großen Möbel aus meinem Büro, das ich im Begriff war, aufzulösen. Das war aber nicht das Entscheidende an diesem und den folgenden Tagen. Diese Tage kann man nur verstehen, wenn man sie als zufälliges (?) Zusammentreffen mehrere Entwicklungen versteht.

Bleiben wir einmal bei der Büroauflösung. Für mich war die Entscheidung, ab Herbst 2023 eine einjährige Pause einzulegen, schon weit vor besagtem Datum gefallen. Aus diesem Grund, aber auch, weil ich bis zum Sommer 2022 viel zu viel gearbeitet hatte, entschloss ich mich, meine Tätigkeiten schon im Herbst 2022 zu reduzieren. Daher benötigte ich mein bisheriges Büro nicht mehr.

Dieser Auszug als Element einer Lebenveränderung steht also symbolisch eben für diese Veränderung. Etwas geht zu Ende und etwas Neues fängt an. Das Zu-Ende-Gehen ist ein langer Prozess und man weiß genau, was zu Ende geht. Das Neuanfangen ist ebenso ein langer Prozess, aber man weiß noch nicht genau, was das Neue sein wird, das da anfängt. (Vielleicht passen da auch meine beiden Podcast-Folgen „Anfang“ und „aufbrechen“ dazu.)

Unabhängig davon wollte ich wieder einmal ein paar Tage für mich allein verbringen. Immer wieder einmal ziehe ich mich für ein paar Tage zurück, meist in ein Kloster oder ins Haus der Stille in der Steiermark. Diesmal sollte es aber etwas anderes sein. So entschied ich mich ab dem 29. September für zwei Nächte nach Cividale in Friaul zu fahren.

Und dann gab es noch ein Thema, dass mich schon sehr lange begleitete, wofür ich aber noch nie wirklich die Zeit fand, mich dem zu widmen: In den letzten 20 Jahren setzte ich mich intensiv in verschiedenen Kontexten mit Krisen, Tod und Trauer auseinander. Ich begleitete viele Menschen in Krisen und Trauer. Ich reflektierte meine eigenen Krisen und meine eigene Trauer. Aber eines stand noch vor mir: mich mit meinem eigenen Tod zu konfrontiert.

Was bedeutet es für mein Leben, dass ich einmal sterben werde?

Ich nahm mir schon vor einiger Zeit vor, mich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, wollte aber dafür den richtigen Moment abwarten. Das ist ja ohnehin schon eine komische Einstellung: den richtigen Moment abzuwarten, um über das Leben angesichts des eigenen Todes nachzudenken. Wieso eine solche Frage aufschieben? Wenn sie wichtig ist, dann muss ich mich dem gleich widmen, denn sonst könnte der Tod schneller sein als mein Denken.

Wie dem auch sei. Auch für Cividale nahm ich mir diese Frage nicht vor, dachte auch gar nicht daran. Ich erzähle es an dieser Stelle nur, weil es gleich noch wichtig werden wird.

Der Tod ist der Tod der Pläne

Bevor ich am besagten 28. Oktober mein Büro ausgeräumt habe, war ich ganz in der Früh noch bei meiner ersten Vorsorgeuntersuchung. Mittlerweile habe ich gemerkt, dass solche Untersuchungen bei einem*einer Hausarzt*ärztin lediglich eine Blutabnahme und ein paar weitere Messungen beinhalten. Bei der ÖGK, wo ich das machte, wird aber der ganze Körper gründlich durchgecheckt.

Bei der Ultraschalluntersuchung stellte man einen Knoten fest, der da nicht sein sollte, wo er war. „Das muss noch nichts bedeutet“, meinte die Ärztin, die in der Schule war wie ich. „Zu 95 % sind solche Knoten gutartig.“ Aber es bedarf noch weiterer Untersuchungen.

Mir macht eine solche Diagnose noch keine Angst. Erst mal die weiteren Untersuchungen abwarten. Dass es keine tödliche Erkankungen war, ich aber dennoch zu den fünf anderen Prozent gehörte und der worst case eintreten wird, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Aber allein diese Diagnose gab den Anlass für mich, mich in Cividale mit meinem eigenen Tod zu konfrontieren. Wird mein Leben nun einen ganz anderen Verlauf nehmen?

Was bedeutet das für meine Pläne im nächsten Jahr? Im letzten Beitrag stellte ich die These auf, dass das Richtige zu tun der Tod aller Pläne ist. Aber in Wahrheit ist der Tod der Tod aller Pläne. Er durchkreuzt unerbittlich alles das, was der Mensch sich noch so akribisch für seine Zukunft plant. Um so unsinniger kam es mir vor, noch großartige Zukunftspläne zu machen. Ich bin kein Verfechter der Ansicht, man müsse ausschließlich in der Gegenwart leben. Der Mensch ist im positiven Sinn ein Wesen, das auf Zukunft hin ausgerichtet ist. Und dennoch gilt: Das Leben spielt sich in der Gegenwart ab. Und wenn meine Zukunftspläne mich am Leben jetzt und im Jetzt hindern, dann stimmt etwas nicht.

Umso mehr ist mir eines klar geworden: Mehr als zehn Jahre habe ich etwas aufgeschoben; das will ich jetzt nicht mehr. Das Aufschieben war nicht falsch, denn ich habe meine Gegenwart nicht ganz vergessen. Aber war es deshalb schon richtig?

Naja. Jedenfalls widmete ich die Zeit in Cividale tatsächlich meinem eigenen Tod – oder besser gesagt: meinem Leben angesichts meines Todes. Viele meiner Gedanken dazu schrieb ich auf. Einige davon werde ich in meinem nächsten Beitrag vorstellen.

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