Afrikanischer Jesus - Diakon Karlheinz Six

Diakon Karlheinz Six

Das Ende der Welt

Titelbild: Das Ende der Welt

In dieser Folge entwerfe ich leider keine dystopische Vision. Wobei … im Advent gehts schon auch um das Ende der Welt. Aber ganz anders verstanden, als es uns in zahlreichen postapokalyptischen Filmen vorgeführt wird. In dieser Episode geht es um den Advent, die wohl am meisten missverstandene Zeit des Jahres.

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Transkript

Herzlich Willkommen zur fünften Folge meines Podcasts aus&aufbrechen. Wir feiern ja gerade Advent. Ich halte den Advent für die am meisten missverstandene Zeit: Allgemein gesellschaftlich wird sie heute mit der Weihnachtszeit gleichgesetzt: In der Stadt hängt längst die Weihnachtsbeleuchtung und die so genannten Weihnachts- oder Christkindlmärkte erfreuen sich ob des leckeren Punsches über hohen Zustrom. Firmen und Vereine veranstalten ihre Weihnachtsfeiern.

Wer hingegen noch einen Unterschied zwischen diesen beiden Zeiten macht, wird sagen, der Advent sei die Vorbereitungszeit auf die Geburt eines Kindes. Damit treffen wir aber auch nicht ganz den Kern der Sache. Darum soll es im heutigen Podcast gehen.

Bevor es aber losgeht, möchte ich darauf hinweisen, dass ich sehr gern mit dir in den Austausch gehe. In den Shownotes habe ich alle Kontaktmöglichkeiten angeführt. Eine Vertiefung zum heutigen Thema findest du im Kapitel „Kommen“ in meinem Buch „In der Dunkelheit“. Auch dazu findest du einen Link in den Shownotes. Ich freue mich sehr, wenn du diesem Podcast, mir auf Instragram oder meiner Facebook-Seite folgst oder meinen YouTube-Kanal abonnierst. Gern kannst du dich auf meiner Homepage auch für meinen Newsletter eintragen lassen. –

Und los gehts.

Es wird gesagt: „Zu Weihnachten feiern wir die Geburt eines Kindes.“ Dass diese Aussage selbst schon zur kurz greift und Weihnachten nicht in seiner ganzen Dimension fasst, wird in der nächsten Episode Thema sein.

Nehmen wir diese Aussage aber einmal so hin. Für viele folgt dann daraus, dass der Advent als Zeit vor Weihnachten die Vorbereitungszeit auf diese Geburt ist. Nun, ganz so einfach ist das nicht.

Und das es nicht so einfach ist, weiß ich vor allem aus meinen Predigterfahrungen: Jedes Jahr zu Advent predigte ich darüber, dass es im Advent um die Endzeit geht. Aber nach der Predigt hatte ich immer das Gefühl, dass niemand verstanden hat, was ich meine. Das wird wohl daran liegen, dass das katholische Christentum keine endzeitliche Ausprägung hat. Im Gegensatz zu den zahlreichen evangelikalen Christen. Vor allem liegt es aber daran, dass ich selbst nicht genau sagen konnte, was ich damit meine. Mein Nicht-verständlich-machen-können lag also vielmehr in meinem eigene Unverstand. Ich hoffe, dass es in dieser Episode anders ist. Ein wenig Gehirnschmalz wird man aber dazu brauchen. Und wenn ich immer noch unverständlich bin, bitte meldet euch. Dann probiere ich es nochmals.

Also:

Wie die meisten wissen, kommt das Wort „Advent“ aus dem Lateinischen und bedeutet Ankunft. Wer kommt da aber an? Wir feiern die Ankunft des endzeitlichen Retters. Dieser Retter soll Jesus, dass kleine Kind in Betlehem sein.

Im Advent gedenken wir aber nicht einfach dieses vergangenen Ereignissen. Denn das würde tatsächlich die Adventszeit nicht von der Weihnachszeit unterscheiden. Wir feiern also nicht nur etwas Vergangenes, sondern auch etwas Zukünftiges und etwas Gegenwärtiges. Und da wird es jetzt etwas schwierig.

Also nochmals langsam: Im Advent richten wir uns aus auf das Kommen des Retters, der in der Vergangenheit als Jesus schon gekommen ist und in Zukunft einmal wiederkommen wird. In der Gegenwart befinden wir uns in einer Zeit des Kommens. Jesus hat nach Tod und Auferstehung die Welt verlassen, richtet sich in seinem Kommen aber erneut auf die Welt aus.

Das war jetzt wahrscheinlich nicht so schwierig. Die Schwierigkeit kommt erst jetzt: Zur Beschreibung habe ich zeitliche Kategorien benutzt. Diese Kategorien müssen aber entfernt werden.

Warum muss das getan werden?

Die Rede vom endzeitlichen Retter, von der Endzeit ist mythologische Sprache, die aus einer Zeit stammen, die für uns heute nur schwer verstehbar ist. Es geht also nicht einfach um die Streichung der Zeitlichkeit, sondern um die Verstehbarkeit dieser Vorstellung für uns heute.

Warum müssen wir dann aber gerade die Zeitlichkeit streichen?

Um das zu verstehen, werfen wir einen kurzen Blick auf die Schöpfungserzählungen: Ich glaube, viele wissen ja, dass die Schöpfungserzählung am Beginn der Bibel nicht erzählen möchte, wie die Welt früher einmal entstanden ist. Vielmehr geht es darum, warum und wozu sie entstanden ist; es geht darum zu verstehen, dass sie von Gott stammt, wer Gott ist, wer der Mensch ist und welche Beziehung Gott, Mensch und Welt miteinander haben. Es geht bei diesen Geschichten nicht um einen zeitlichen Anfang, sondern um einen bleibenden Anfang, aus dem heraus wir leben. Höre dazu Episode 1.

Ähnlich verhält es sich nun mit der so genannten Endzeit: Sie meint kein zeitliches Ende der Welt, keine Prophezeiung über zukünftige Ereignisse, sondern von Anfang an begleitendes Ende, in das wir hineinleben. Unser Leben ist also in einer Spannung zwischen dem Woraus wir leben und dem Wohinein wir leben. Unsere Lebensgestaltung, unsere Handlungen, unsere Lebensweisen haben Gottes Handeln zur Voraussetzung und führen uns wieder zu diesem Gotteshandeln zurück. Die Endzeiterzählungen erzählen also vom Handeln Gottes, weniger vom Handeln des Menschen. Es geht darum, wie Gott „am Ende“, d. h. endgültig, eingreift.

Im Advent feiern wir also diese Spannung zwischen dem Anfang und dem Ende, wir feiern Gottes letztes, letztgültiges Eingreifen in die Welt. Da Jesus eine historische Person war, können wir in der Vergangenheit von ihm sprechen. Insofern er aber der endzeitliche Retter ist, ist er das, woraufhin wir leben. Daher wird nicht nur vom Kommen des Retters gesprochen, sondern es werden auch die Menschen aufgefordert, dem Retter entgegenzugehen.

Woraufhin leben wir also?

Da kennt die endzeitliche Literatur eine Metapher, die ich im Deutschen gern doppeldeutig verwende. Ich bringe es auf folgende Formel: „Gott greift am Ende ein, indem er Mensch wird, um die Welt zu richten.“ Am Ende hat er das letzte Wort, besser gesagt: Ihm obliegt das letzte Handeln. Und dieses Handeln kann als „richten“ beschrieben werden.

Dieses „richten“ ist – wie schon angedeutet – doppeldeutig gemeint.

Zum einen kann das „die Welt richten“ meinen, dass alles, was nicht in Ordnung ist, in Ordnung gebracht wird. Wir richten das, was kaputt ist, was nicht mehr oder nicht mehr so gut funktioniert. Es soll wieder laufen. Wir kennen Aussagen wie: Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade usw. Darin können auch alle heilsamen Erfahrungen eingereiht werden, die wir mit Menschen und Gott machen. Auch die Erfahrungen des Friedens und der Versöhnung. Hier wird etwas gerichtet.

Zum anderen meint das „die Welt richten“ auch das Gericht Gottes. Gott als Richter spricht Recht. Es geht hier nicht um ein Straf- oder Zorngericht, wie so häufig missverstanden wird. Vor Gericht kann man auch als unschuldig freigesprochen werden. Vor Gericht zu stehen ist noch keine Bestrafung. Aber vielmehr als um eine bloße Gerichtsverhandlung vor Gott, geht es einfach um die Idee, dass Gott Gerechtigkeit durchsetzen wird. Dass die Mörder und Gewalttäter und Ausbeuter nicht durchkommen dürfen, dass die Opfer zu ihrem Recht kommen müssen.

Dabei dürfen wir die Komplexität der Wirklichkeit nicht außer Acht lassen, dass nämlich die Mörder und Gewalttäter und Ausbeuter in anderer Hinsicht auch Opfer sind. Man braucht nur einmal in ein Gefängnis zu gehen und die Lebensgeschichte der Gefangenen anzuhören. Hier gerecht zu sein, ist eine übermenschliche Aufgabe.

Im Neuen Testament gibt es für den Richter einen speziellen Titel, nämlich Menschensohn. Es heißt immer wieder, der Menschensohn, also Jesus, kommt, um die Welt zu richten. Wir müssen also festhalten: Richter ist einer, der selbst zum Tode verurteilt wurde, der selbst hingerichtet wurde, der selbst am Kreuz nocheinmal sagen konnte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Wenn wir nun die zeitlichen Kategorien aus dieser Vorstellung entfernen, dann bedeutet das, dass das, woraufhin wir jetzt leben, eben dieses Eingreifen Gottes ist, dass wir als Richten bezeichnet haben.

Und so können wir uns am Ende dieser Episode die Frage stellen, wo dieses Eingreifen Gottes heute sichtbar wird, wo Menschen gerichtet, aufgerichtet, wo Kaputtes gerichtet wird. Wir dürfen fragen, warum das alles nicht endlich auch für alle geschieht, warum es immer noch so viele Opfer, so viel Leid geben muss. Diese Frage ist und bleibt eine offene Wunde im Christentum. Wir dürfen daher auch weiterhin unsere Klage- und Anklagegebete gegen den Himmel schicken. Vielleicht sollten wir das gerade im Advent wieder mehr lernen.

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